Steil, steiler, Enduro World Series La Thuile

19. Juli 2016 | Steffi F. | Rennfieber | Rennberichte,

Rückblick:

Januar. Das Wetter ist trist und grau, die Tage sind extrem kurz. Vor kurzem kam raus, dass die 2016er European Enduro Series abgesagt ist. Ich bin frustriert, denn das waren doch genau die Rennen wo ich dieses Jahr mal in der Lizenzklasse mitfahren wollte. Und jetzt? Scheinbar alles Training bisher umsonst? Doch dann stieß im Internet auf die Nachricht: „Enduro World Series Startplätze werden verlost“ sprich alle übrigen Startplätze die nicht an irgendwelche Topfahrer vergeben sind wurden in einer großen Verlosung jedermann zugänglich gemacht. Und in einem Moment des Größenwahns reiche ich tatsächlich mit einem Freund zusammen die Bewerbung für die beiden italienischen Stops der Serie ein.

 

März: Ok, ich weiß nicht ob ich mich freuen soll oder nicht, wir haben die beiden Startplätze bekommen. Mein Training seit Januar hat sehr unter der geringen Motivation und der vielen Arbeit gelitten. Fit bin ich definitiv nicht. Ganz bestimmt nicht für ein World Series Event. Aber mal weiter sehen…

 

Juni: mit wachsender Angst habe ich die Berichte der Gehrig Zwillinge über die EWS Rennen in Chile und Irland gelesen. Jeden Tag 2500hm bergAUF?? Wie soll ich denn sowas jemals schaffen? Ich trainiere zwar wieder, aber La Thuile ist ja schon Mitte Juli! Bei der Trailtrophy in Latsch (arbeitsbedingt mein erstes Rennen dieses Jahr) bekomme ich nochmal einen richtigen Dämpfer; ich fahre unglaublich schlecht, habe unterwegs mehrere Defekte und erreiche mein bis dato schlechtestes Trailtrophy-Ergebnis. Meine Motivation ist damit auch im Keller, ich bin am überlegen die EWS sausen zu lassen (nur die 400€ Startgebühr die ich gezahlt hab machen es mir noch ein wenig schwer…)

Blick auf den grünen Buckel mit dem Start von Stage 4

Blick auf den grünen Buckel mit dem Start von Stage 4

13.Juli

Es geht los. Ich hab mich entschieden zumindest zur EWS hinzufahren und mir die Strecken anzuschauen. Zwei Tage Training, zwei Tage Rennen. Das Streckenprofil verrät mir dass es über die beiden Renntage verteilt nur etwa 1500hm sind die ich bergauf muss, der Rest wird mit dem Lift gefahren (Jackpot). Allerdings bekomme ich langsam Angst: bei einer World Series „nur“ 1500hm?? Wie müssen denn da dann die Strecken bergab ausschauen? Kann ich das überhaupt fahren? Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf während wir durch Österreich, die Schweiz und Frankreich nach Italien fahren. Nach 10-stündiger Fahrt erreichen wir schließlich das Aostatal…und ich bin erstmal total geflasht von der Schönheit der Natur hier. Wahnsinnig schön sind die Berge hier. Und auch die Häuser mit ihren Dächern aus Naturstein-Schieferplatten können sich echt sehen lassen!!

14.Juli

Es geht los! Morgens um 09:00Uhr holen wir unsere Startunterlagen aus dem Race Office ab. Dieses ist in einem gigantischen Hotelblock untergebracht (in dem man sich auch auf der Suche nach einer Toilette ganz schön verlaufen kann). Schnell die Starnummer ans Bike gemacht, den Rucksack gepackt und los geht’s. Vom versprochenen Regen/Schnee glücklicherweise keine Spur (wahrscheinlich die einzige Ecke der Alpen die an diesem Tag verschont blieb), dafür strahlender Sonnenschein und ein paar vereinzelte Wolken. Nur eiskalt ist es trotzdem. Mit frischen Beinen machen wir uns an den 1000hm Anstieg zu Stage 1. Gefühlt sind wir an dem Tag die einzigen die aus eigener Kraft bis zum Traileinstieg hochpedalieren, so viele Teambusse kommen an uns vorbei. Nach etwa 500hm geht’s dann auf einem wunderschönen Trail weiter den Berg hoch in Richtung Col de Croce. Den Trail kann ich nur jedem wärmstens empfehlen der mal in die Gegend kommt, die Aussicht ist umwerfend und 99% des Trails sind bergauf echt easy fahrbar, ein Highlight hier! Oben angekommen haben wir aufgrund der frostigen Temperaturen und des starken Windes nicht mehr all zu viel Muße noch stehen zu bleiben und die Aussicht zu genießen, also geht’s sofort auf die Stage…und was das für eine Stage ist!!! Einer der schönsten und spaßigsten Trails die ich je gefahren bin! Oben noch etwas geröllig, wird er ab der Baumgrenze der reinste Flowtrail. Ab und an ist er mit Wurzeln oder Steilstücken gewürzt (aber das gehört bei der EWS auch einfach dazu). Auch die Länge ist nicht ohne, 4,26km und 900hm bergab…

IMG_3905

Ausblick am Start von Stage 1

Super glücklich und mit einem fetten Grinsen rollen wir dann zurück zur Seilbahn, denn ab jetzt geht es eigentlich nur noch mit dem Lift bergauf. Unten zieh ich noch schnell alles an was ich dabei hab, denn der kalte Wind hat noch zugelegt und gefühlt haben wir auch noch ein paar Grad an Temperatur verloren. Dann geht’s auch schon weiter. Zwei Sessellifte bringen uns hoch auf 2700m Höhe. Von dort geht es quer über Wiesen bergauf bergab zum Start von Stage 2 (3,64km lang, 670 hm bergab). Stage 2 ist vom Charakter her ganz anders als die erste. Gefühlt wurde der obere Teil einfach querfeldein durch die Sträucher abgesteckt. Überall sind noch Wurzelreste und abgefahrener Almrausch. Zwischendrin immer wieder riesige Felsplatten mit Steilabfahrten. Erst ab der Baumgrenze wechselt das Terrain und wird (für mich zumindest) leichter fahrbar. Ein mehr oder weniger steiler Wurzeltrail mit Stufen, Felsblöcken usw. zirkelt mit engen Kehren gen Tal wo wir sofort wieder in den Lift steigen.

Die letzte Stage (wieder 906hm bergab, und das am Stück bei fast 6km Länge!!) des Tages startet direkt oberhalb der Bergstation des zweiten Sesselliftes. Hier sind ebenfalls große Felsplatten mit Steilabfahrten, sowie offene Kurven auf grobem Schotter bis wir die Baumgrenze erreichen. Ab dort hat der Trail Ähnlichkeiten mit einer Achterbahn: viele coole Kurven, teilweise mit Anliegern, zwischendrin auch immer wieder steile Passagen (naja zumindest kamen sie mir an dem Tag steil vor, was die in La Thuile unter „steil“ verstehen, ist irgendwie schräg, aber das werdet ihr schon noch lesen 😉 )

Fazit des ersten Trainingstages: geile Trails, aber auch unglaublich lang!!

 

15.Juli

Der zweite Trainingstag. Ein bisschen meine ich den ersten Tag schon in den Armen und Beinen zu spüren. Aber egal, erstmal ist wieder Liftfahren angesagt. Die Sonne scheint und der kalte Wind vom Vortag ist verschwunden. Oben angekommen steht der einzige Anstieg des Tages an, hoch zum Start von Stage 4 (ganze 200hm, ein Klacks). Das Beste: hier gibt’s eine perfekte Sicht auf den Mont Blanc!! Leider sind wir nicht die einzigen, die die Idee hatten die ersten Höhenmeter gleich ganz in der Früh zu erledigen und so stehen schon etwa 100 Rider oben auf dem Hügel an der Strecke. Hier gibt es eine ganz fiese Stelle in den Wurzeln/Felsen des Hochgebirg-Bewuchses (hat einen Namen, fällt mir aber gerade nicht ein 😉 ). Einen nach dem anderen sieht man hier scheitern, nur die Vollprofis wie Jeromé Clementz oder Sam Hill fahren die Stelle als wär’s nichts…bewundernswert…irgendwie bekomm ich Angst. Die Eckdaten der Stage im Kopf zu haben (750hm, 3,98km) macht es nicht leichter. Das ist heute nicht mehr der „Kuschelkurs“ vom Vortag wo ich alles recht easy fahren konnte, das hier ist der Ernst der EWS! Mit einem mulmigen Gefühl trage ich mein Rad die letzten Meter hoch zum Start. Und dann geht’s los, erste Kurve, ein paar Felsen, zweite Kurve erstes Steilstück, dritte Kurve und voll zu auf die Schlüsselstelle…uaaaahhh nee nicht ganz die Linie die ich wollte, aber einbeinig komme ich ohne Sturz durch, puh. Aber leider wird die Strecke nicht leichter. Immer wieder stellen sich mir riesige, leider feuchte, rutschige Felsplatten in den Weg. Ich habe das Gefühl nicht mehr Radfahren zu können und fahre immer vorsichtiger. Immer mehr habe ich auch das Gefühl ein fahrendes Hindernis zu sein, vor allem als Sam Hill mit gefühlt Mach 3 an mir vorbeischießt. Im unteren Teil mündet die Stage 4 in die Stage 2 vom Vortag und erst hier habe ich wieder das Gefühl einigermaßen sicher unterwegs zu sein. Leicht gefrustet rollen wir wieder zurück zum Lift.

Bachdurchquerungen waren an der Tagesordnung; auf fast jeder Stage fand sich mindestens eine

Bachdurchquerungen waren an der Tagesordnung; auf fast jeder Stage fand sich mindestens eine

Die Stage 5 teilt sich die ersten paar Meter mit der Stage 2 vom Vortag und ist mit 7,55km und 9,81hm wohl die längste und anstrengendste von allen. Die ersten Meter laufen gut, die Schlüsselstellen vom Vortag klappen viel besser, vielleicht gewöhne ich mich doch noch an diese Felsplatten. Dann zweigt die Stage vom bekannten Teil ab und zackt ein paar mal als netter Singletrail über eine Wiese. Danach geht es in den Wald. Superschöner weicher und vor allem tiefer Waldboden heißt uns willkommen. Der Weg läuft in Kehren den Hang hinab. Mit der Zeit werden die Stücke zwischen den Kehren immer steiler, bis man zwischen zwei Kurven jeweils fast senkrecht den Hang hinunterrutscht. Whooooaa, so steil hatte ich mir das bei der EWS nicht vorgestellt!!! Aber hilft ja nix, stehen bleiben geht eh nicht (zu steil) also heißt es weiterrutschen und hoffen dass das Ding irgendwann ein Ende hat. Zwischendrin gräbt sich dann auch mal mein Vorderrad etwas tief ein und ich mache (gottseidank in einem etwas „nicht ganz so steilen“ Stück) einen Abflug über den Lenker. Krass ist das hart. Steil, steiler, La Thuile!

 

Nun hab ich langsam Angst vor der letzten Stage namens „Vertical“. Wenn das auf Stage 5 noch nicht „vertical“ war, was erwartet uns dann bitte auf der 6? Die Eckdaten wirken eher harmlos: 3,98km, 750hm, Start ist die Bergstation der unteren Sesselbahn. Allerdings ist es wirklich krass. Anders kann ich es nicht beschreiben. Nach einem anfangs gut fahrbaren und spaßigen Trail wird es ekelhaft. Ekelhaft steil. Hätte mich vor dem Tag jemand gefragt ob ich da fahren würde hätt ich demjenigen einen Vogel gezeigt. Ich bin es gefahren. Alles. Und danach hatte ich Angst. Große Angst. Praktisch dass man anschließend NACHDEM man etwas gefahren ist Angst haben kann…geht sowas nicht normalerweise andersherum? Naja egal. Ich hab es überlebt. Der 1,5m hohe Zielsprung ist eine wahre Erleichterung. Ob ich das im Rennen fahren werde kann ich zu dem Zeitpunkt nicht sagen. Wollen tu ich nicht 😛

16.Juli

Natürlich gehe ich doch an den Start. Obwohl ich merke dass die Kraft in meinen Armen immer mehr nachlässt. Und meine Vorderradbremse hat auch schon mal besser funktioniert. Nervös stehe ich bereits 1,5h vor meinem Start im Startbereich und sehe den „Amateur-Männern“ (total schräg von Amateuren zu sprechen wenn man die Leute mal auf den Strecken gesehen hat) beim Starten zu. Irgendwann trudeln dann auch langsam die anderen Mädels ein. Ich hab das Glück zusammen mit Monika Büchi starten zu dürfen, einer verdammt schnellen Schweizerin die ich schon von anderen Rennen her kenne. Am Start bekommen wir einen Aufkleber auf das Oberrohr wo unsere Stage-Startzeiten notiert sind. Bei der EWS gibt es nämlich im Gegensatz zu anderen Endurorennen eine fixe Startreihenfolge die an jeder Stage eingehalten werden muss. Dies soll sicherstellen dass die Spannung gewahrt wird und die schnellesten Leute auch wirklich ganz zum Schluss ins Ziel kommen.

Das Poserfoto mit dem Mont Blanc ist natürlich Pflicht!

Das Poserfoto mit dem Mont Blanc ist natürlich Pflicht!

Für den ersten Anstieg haben wir genau 2h und 15min Zeit, ausreichend für die knapp 1000hm die wir hochtreten müssen. Auf der Hälfte gibt es noch eine Verpflegungsstation mit Wasser, Kuchen und Schokolade. Nach circa 1h und 50min sind wir auch schon oben. Ich werde immer nervöser. Die letzten Männer schießen ganz schön schnell um die ersten Kurven der Stage 1. Aber die Mädels sind alle super nett und gechillt—Profis halt. Dann sind wir dran. Wir betreten die sogenannte Pre-Start Zone die extra für das Live-Timing eingerichtet wurde. Was ebenfalls cool ist: hier gibt es keine nervigen Piepsuhren die die Sekunden am Start runterzählen, hier zeigt der Startkommisar an wann man losfahren darf; für mich ist das 100mal sympathischer als die Piepseuhren die einem schon von weitem das Adrenalin in die Adern treiben. Wobei, nervös bin ich auch so. Es geht los, der Arm des Kommisars geht nach unten und schon bin ich unterwegs. Es läuft ganz gut, ich fühle mich wohl auf dem Rad, das einzige wovor ich etwas Angst habe: den Mädels hinter mir im Weg sein. Die Stages sind immerhin echt lang. Aber bis unten fahre ich alleine, dann die letzten Meter der Stage und noch immer ist niemand an mir vorbeigekommen. Der Transponder piepst und ich fahre ohne überholt worden zu sein durch’s Ziel. Vor Erleichterung jubele ich laut während ich ohne stehen zu bleiben einfach weiter rolle bis ich wieder am Start/Zielbereich an der Seilbahn ankomme. Nach einem kurzen Stop an der Verpflegungsstation geht’s mit der Seilbahn weiter hoch zur Stage 2. Auch hier komme ich durch ohne überholt zu werden. Langsam werde ich zuversichtlicher, dass ich doch gar nicht so ganz verkehrt bin hier bei der EWS. Allerdings merke ich immer mehr dass die Kraft in meinen Armen nachlässt, die Vorderbreme funktioniert kaum noch, ich muss meistens schon mit zwei Fingern bremsen. Auch Stage 3 läuft bis zur Hälfte ganz gut, zum Schluss geht mir aber ziemlich die Kraft aus. Ich ziehe wie wild an der Bremse, ohne wirklich einen Effekt zu erreichen. Dann reißt mir auch noch eine Speiche am Vorderrad. Mit allerletzter Kraft trete ich den fiesen Schlussanstieg vorm Ziel hoch. Allein die Anfeuerungsrufe der vielen Zuschauer tragen mich den Anstieg hinauf. Noch 3 Wiesenkurven dann ist es geschafft. Der erste Tag EWS ist überstanden, und keiner hat mich überholt! Am Ende stehe ich auf Platz 25, und ich bin mehr als zufrieden als ich bereits um halb 10 abends einschlafe.

 

17.Juli

Der zweite Renntag beginnt für mich nicht gut. Ich habe schlecht geschlafen und mir tun brutal die Arme weh vom Vortag. Nichtsdestotrotz bin ich fest entschlossen zu starten. Die Stage 4 ist die am landschaftlich schönste Stage, und ich will diese epische Stage nochmal fahren! Heute muss ich alleine starten, denn Monika hat sich auf der Stage 3 noch dreimal die Schulter ausgekugelt!! (Gute Besserung!!!). Den Anstieg zur Stage 4 trete ich daher alleine und genieße das geniale Panorama. Oben treffe ich die anderen Mädels die auch schon aufgeregt warten. Den meisten sieht man den anstrengenden ersten Renntag auch schon an. Dann geht’s los. Doch schon nach den ersten Metern merke ich: so geht das nicht. Ich habe überhaupt keine Kraft mehr, und finde meinen Fahrfluss auch nicht. Nach und nach werde ich von mehr Leuten überholt. Zwischendrin überlege ich einfach stehen zu bleiben und mich in die Wiese zu legen. Aber dann fahre ich doch weiter, ich glaub ich war selten so froh ein „Finish“-Schild zu sehen. In meiner Verfassung macht es keinen Sinn in die Stages 5&6 zu starten, also breche ich schweren Herzens das Rennen ab. Dafür mache ich mich dann zu Fuß auf um wenigstens die anderen auf den letzten Stages anzufeuern und noch ein paar Fotos zu machen.

Das fiese Steinfeld am Ende von Stage 6

Das fiese Steinfeld am Ende von Stage 6

Fazit: Die EWS ist nichts für Anfänger. Hier muss man definitiv Fahrradfahren können und sollte zusätzlich auch noch topfit sein um bestehen zu können (naja und ein funktionierendes Bike hilft wahrscheinlich auch :-P). Dann macht es aber sehr viel Spaß! Die Organisation ist vorbildlich, und die Strecken (sofern man die nötige Fahrtechnik besitzt) sind einfach nur episch. Ich würde jederzeit wieder starten (auch wenn ich beim nächsten Mal vermutlich vorher komplett neue Bremsen montieren werde).

Ähnliche Beiträge: