Monatsfrau Februar: Susanne Puello

12. Februar 2019 | Jule | Persönlichkeiten | Monatsfrauen,

Sie gilt als treibende Urkraft des E-Bike-Trends: Susanne Puello. In eine Fahrraddynastie hineingeboren, baute die Urenkelin des einstigen Firmengründers die Firma Winora zum Fahrrad-Imperium auf, zu dem so namhafte Marken wie Haibike, E. Wiener Bike Parts und XLC gehören. Mit Beginn des Jahrtausends steckt sie ihre Energie in die Aufgabe, Elektroräder sportiv und „sexy“ zu machen und nur wenige Jahre später bringt sie das erste trailtaugliche E-MTB in Großserie auf den Markt – der Beginn einer neuen Ära.
2017 verlässt Susanne die Winora Group und gründet gemeinsam mit ihrem Mann und der KTM Industries AG als strategischen Partner die PEXCO GmbH, was für „Puello eMobility Crossover Company“ steht und sich nichts weniger zum Ziel gesetzt hat, als „eine zentrale Rolle in der globalen Mobilitätswelt von heute und morgen zu spielen.“

Susanne, wie bist du zum Mountainbiken gekommen?
Zum Mountainbiken bin ich tatsächlich über meine Arbeit gekommen. Ich war gerne in der Natur mit meinem Hund oder als Reiterin – bis zu dem Moment als ich meine Lehre bei Winora angefangen hatte. Da habe ich mich mit dem Bike-Virus infiziert und bin seitdem auch nicht mehr davon losgekommen. Wobei ich mittlerweile nur noch EMTB fahre.

Was ist für dich das Schönste am Biken, das Besondere im Vergleich zu anderen Sportarten?
Die Unabhängigkeit! Von zu Hause aus der Türe, rauf aufs Rad und je nach Zeit, Lust und Laune die Gegend erkunden. Und mit dem EMTB spielt die Länge der Tour eine untergeordnete Rolle – selbst verfahren, umkehren und einen neuen Weg probieren ist jetzt drin, ohne sich mit dem Partner in die Haare zu kriegen.

Was war dein schönstes Bike-Erlebnis? Und dein schlimmstes?
Das kann ich tatsächlich nicht sagen. Es gibt viele schöne Erinnerungen, wir haben mit dem Bike und EMTB schon wahnsinnig tolle Touren gemacht. Toi, toi, toi (drei Mal auf Holz geklopft) war meine Bike-Karriere bisher unfallfrei.

Welches Bike fährst du (am liebsten) – in welchem Setup?
Ich fahre derzeit ein Husqvarna MC7 Limited.

  • DÄMPFER: Rock Shox RS Deluxe RT DB 140 mm
  • ANTRIEB: SHIMANO STEPS E8000
  • BREMSE: SHIMANO DEORE BR-M6000
  • BATTERIE: SIMPLO Linkage 500 Wh
  • RAHMEN: 27,5″ + Alloy 6061 MTB Fully
  • FEDERGABEL: Rock Shox Recon RL, 15 x 110 mm Boost, 140 mm
  • SCHALTWERK: SHIMANO DEORE RD-M6000, 10-fach
  • FELGEN: 27,5″ Alexrims MD-35, Hohlkammer, schwarz, 32H
  • REIFEN: Schwalbe Nobby Nick, 27,5 * 2,60 faltbar

Einzige Anpassung vom Serienrad: Ich fahre immer mit Dropper Seatpost. Das finde ich wahnsinnig praktisch und komfortabel. Gerade im Stadtverkehr ist das für mich ein echtes Muss.

Was sind deine 3 Lieblingsprodukte rund ums Biken?
In Sachen Bike-Bekleidung bin ich gerade Testrider! Wir werden mit Husqvarna Bicycles zeitnah die erste vollständige Kollektion rausbringen, ich darf testen! Seit Jahren fahre ich Helme von UVEX und Bikebrillen von ALPINA mit Clip-System, um Sonnengläser aufzusetzen.

Du kommst aus einer Unternehmerfamilie, die seit Jahrzehnten im Radsport aktiv ist. Doch deine ursprünglichen Berufspläne hatten weder mit dem Rad, noch mit dem Familienunternehmen zu tun. Wann und wie hat sich das verändert?
Ich war schon immer ein Naturliebhaber und wollte eigentlich Agrarwissenschaften studieren. Aus Liebe zur Natur wollte ich eigentlich Agrarwissenschaften studieren. Leider hatte ich damals den NC verfehlt, musste Wartesemester in Kauf nehmen. Aus einer Unternehmerfamilie stammend, hat mir mein Vater eine verkürzte Lehre bei der Winora ans Herz gelegt. So habe ich als Azubi alle Abteilungen durchlaufen und besonders am Vertrieb und Marketing Interesse gefunden.

Wie hart war der Weg vom Firmeneintritt bis zur Übernahme der Geschäftsführung für dich?
Nach der Ausbildung kam die Wiedervereinigung, die mit einer enormen Expansion einherging. Ich pendelte zwischen unserem Standort in den neuen Bundesländern und Schweinfurt wöchentlich mehrfach hin und her. Trotz aller Anstrengungen geriet das Unternehmen 1993 in eine Schieflage. Und wie es in Familienunternehmen eben ist – in solchen Situationen fackelt man nicht lange, sondern springt direkt in die Verantwortung. Man reagiert, ohne groß zu überlegen. Ich habe von heute auf morgen die Führung übernommen. Rückwirkend betrachtet, ein enormer Kraftakt, den ich in der Situation tatsächlich nicht als solchen empfunden habe. Das Unternehmen musste weiterlaufen.

Welche Werte waren dir bei der Führung von Winora wichtig?
Waren und sind – ich glaube nicht, dass ich mich darin geändert habe. Mir sind Teamwork und das aktive Einbeziehen aller Seiten extrem wichtig. Genau wie ein fairer Umgang mit allen, egal ob Mitarbeiter, Partner, Lieferant, etc. Es war mir immer wichtig, lange Beziehungen einzugehen, ich glaube daran, dass es Vorteile für alle Seiten mit sich bringt, über viele Jahre miteinander zu arbeiten.

Eine Frau an der Spitze eines solchen Giganten in der Radbranche – das ist bis heute selten. War das je ein Thema für dich und für dein Umfeld?
Für mich nein. Ich habe mir darüber wenig, bis gar keine Gedanken gemacht. Aber Frauen meiner Generation müssen in Führungspositionen aus meiner Sicht definitiv mehr leisten als Männer im gleichen Amt.

Du hast schon Anfang des Jahrtausends, also zu einer Zeit, in der Elektroantriebe für Fahrräder alles andere als „sexy“ waren, auf das Thema E-Bike gesetzt. Wie kam es, dass du das riesige Potential erkannt hast?
Mit dem Mut einer Frau. Ich habe verschiedene Versuche miterlebt, E-Bikes als Mobilitätsmittel zu etablieren. Das waren alles Versuche, die am kreierten Image scheitern mussten! Wie Du schon schreibst, alles andere als sexy … Mir und meinem gesamten Team war klar, wenn wir einen Versuch wagen, muss er anders, radikal und sportiv sein; muss sich schon alleine das Produkt völlig von den bisherigen E-Bikes unterscheiden.

Hast du damals intern offene Türen mit dem Thema eingerannt oder wie stark musstest du kämpfen, um das Thema voranzutreiben?
Nein, offene Türen habe ich nicht eingerannt, aber auch mein Team hat das Potenzial nach einigen Gesprächen erkannt und fing Feuer. Um ehrlich zu sein, kam dann ganz einfach eine Idee zur nächsten. Ich glaube, wenn manche Dinge im Fluss sind, dann geht vieles wie von selbst.

Gemeinsam mit deinem Mann hast du das Thema E-Mobilität in den letzten Jahren entscheidend geprägt. Was, würdest du rückblickend sagen, waren eure wichtigsten Verdienste?
Das überschneidet sich mit meiner Antwort oben – wir haben das E-Bike wie es damals existierte in seinen Grundfesten überarbeitet; sind an das Thema einfach anders herangegangen. Die wichtigsten Verdienste: den Motor zu drehen, um mehr Bodenfreiheit und einen tieferen Schwerpunkt zu ermöglichen. Aber auch ein Interface zu entwickeln, das als zentrales Herzstück im Rahmen verschiedene Aufgaben erfüllt. Auch das SkidPlate, der Unterbodenschutz, der den Antrieb vor Schlägen und Stößen schützt, war eine Entwicklung, die heute gang und gäbe ist, aber aus unserer Feder stammt.

2017 habt ihr nochmal ganz neu angefangen und die Pexco gegründet, ein Unternehmen, das für „the next level of e-mobility“ stehen soll. Was bedeutet das genau?
Unsere Vision ist es, eine führende Rolle im Bereich Zero Emission für Leichtfahrzeuge einzunehmen und neue Mobilitätsformen auf den Markt zu bringen. Und hier sind den Möglichkeiten und kreativen Ideen quasi keine Grenzen gesetzt. Darum geht es uns – Dinge neu und anders zu denken.

Zur Pexco gehören drei neue Bike-Marken, von denen zwei stark auf das Thema Elektroantrieb setzen – und das sowohl im urban Umfeld, wie auch im Gelände. Wie wollt ihr euch vom – ja nicht gerade kleinen – Wettbewerb differenzieren?
Der Markt ist groß genug, einen weiteren Player aufzunehmen. Wir haben schon einmal bewiesen, dass wir durch visionäre Ideen einen Markt verändern können. Ähnliches würden wir gerne mit der Pexco erreichen. Mit unserem strategischen Partner aus Österreich haben wir ein großartiges Team hinter uns gebracht, das Themen ebenfalls neu und anders anpacken möchte.

Was sind für dich die größten Chancen rund um das Thema E-Bike?
Es gibt noch viele offene Felder für das Thema eMobilität. Ein Beispiel: der urbane Raum. Die Chancen sind schier unerschöpflich. Ich denke, für alle liegt in der Weiterentwicklung des Marktes der große Reiz, neue Technologien oder neue Werkstoffe lauten hier zwei mögliche Felder. Am Ende des Tages geht es darum, die Zweiradmobilität konsequent auszubauen.

Siehst du auch Gefahren? Falls ja, welche? Und seht ihr euch als Produkthersteller in der Verantwortung, hierfür Lösungen zu finden bzw. mit zu entwickeln?
Jede Form der Mobilität und viele technische Produkte bringen Gefahren mit sich. Als Hersteller ist man sich seiner Verantwortung bewusst, allerdings ist die auch immer beim Anwender zu suchen. Ich denke nicht, dass sich Mobilfunkhersteller darüber Gedanken gemacht haben, dass jährlich Menschen beim Selfie machen ums Leben kommen… Ich denke, dass Verantwortung immer auf beiden Seiten liegt. Wo wir jedoch Lösungen anbieten können, durch technisch hervorragende Komponenten, ganzheitlichen Innovationen, da werden wir dies auch tun.

Inwieweit engagierst du dich (mit Pexco) über die reine Produkt-Entwicklung und -vermarktung hinaus für das Thema E-Mobility?
Ich bin seit einigen Jahren Mitglied des Wirtschaftssenats. Darüber hinaus Mitglied im ZIV. Wir engagieren uns gerade stark im regionalen Umfeld und versuchen mit der Stadt Schweinfurt eMobilitätskonzepte auf den Weg zu bekommen.

E-MTBs sind eine Nische des E-Bike-Marktes, jedoch eine der am heftigsten diskutierten. Wie stehst du persönlich (als Privatperson und Naturliebhaberin) dem Thema gegenüber?
Wir haben von Anfang an die Diskussion mitgeführt und sind nicht ausgewichen. Meiner Meinung nach geht es vielmehr darum, die Natur nicht für selbstverständlich zu erachten und Menschen Spielregeln an die Hand zu geben. Es geht darum, eine gewisse Etikette zu etablieren. Dass es immer und überall Ausreißer gibt, liegt leider ebenfalls in der Natur der Sache. Unternehmen müssen, wie in anderen Branchen auch, eine nachhaltige Einstellung durch gemeinsame Lobby-Arbeit bei den Menschen hervorrufen. Hier sind wir alle gefordert – die Industrie aber auch jeder einzelne, der sich gerne in der draußen aufhält.

Denkst du, dem Wachstum sind hier (natürliche) Grenzen gesetzt bzw. sollten gesetzt werden?
Ich denke nicht, dass Unternehmen Grenzen setzen sollten. Mal anders gefragt, welche Kriterien sollte hier auch angewendet werden? Zeitliche Beschränkungen? Mengenmäßige? Wer kontrolliert? Nein. Das ist nicht der richtige Weg. Erfahrungsgemäß wird jede Form der Mobilität ihren eigenen Weg finden! Es braucht mehr Verständnis und mehr Miteinander.

Noch eine persönliche Frage: ich bin Mutter einer 4-jährigen, sehr radbegeisterten Tochter und lese derzeit immer öfter von Kinder-E-Bikes. Und ich gebe zu: meine erste Reaktion ist heftige Ablehnung. Denkst du, das „E“ ist ein unausweichlicher Trend, dem wir uns alle bald nicht mehr entziehen können – oder gibt es für dich auch hier „Grenzen“?
Ich finde es super, wenn schon kleine Kids begeistert auf das Thema Fahrrad aufspringen! Das ist großartig! Nur leider sind wir heutzutage nicht mehr in der Situation, in der Sport und Bewegung bei Familien auf der Tagesordnung stehen. Wenn Kinder-E-Bikes helfen können, eine erste Schwelle zu überwinden, wieso sollte man dann Grenzen setzen? Es ist in unser aller Verantwortung, gerade die Kleinsten unserer Gesellschaft gesund zu halten. Wenn E-Bikes ihren Anteil dazu beitragen, dann finde ich das mehr als positiv.

Du bist 56 (dürfen wir das verraten?) und wirkst alles andere als müde: was treibt dich an, weiterhin als Unternehmerin so kraftvoll Gas zu geben?
Meine Leidenschaft zum Sport und zum Rad! Ich liebe das Thema, es begleitet mich fast mein ganzes Leben lang. Mein Mann und ich sind Macher. Wir sind Familienunternehmer mit Herzblut, wir gestalten aktiv, verantworten ganzheitlich und möchten mit visionären Ideen Veränderung herbeiführen.

Wo oder/und beim wem holst du dir die notwendige Energie dafür? Was/wer sind deine Kraftspender?
In der Natur – ganz häufig auch beim Laufen. Ich habe wenig Freizeit, umso wichtiger ist es für mich, die Zeit auch in vollen Zügen zu genießen!

Welchen Rat möchtest du anderen Bikerinnen noch mit auf den Weg geben?
Bikerinnen möchte ich den Rat mit dem Weg geben, selbstbestimmter das Bike zu kaufen, das ihnen auch wirklich passt. Unabhängig davon, was der Partner vielleicht rät. Viele Frauen lassen sich in ihren Kaufentscheidungen immer noch sehr beeinflussen. Das finde ich schade. Eigentlich ist es egal, welche Marke, Federweg etc. man fährt, Hauptsache das Biken macht Spaß!

Und zum Schluss: Wie gefällt dir GIRLSRIDETOO.DE (ganz ehrlich, gerne auch konstruktive Kritik ;-))?
GIRLSRIDETOO.DE habe ich über meine Tochter kennengelernt, die immer wieder Artikel liest und Links mit mir teilt. Ich finde die Themenvielfalt großartig – und, dass ihr Frauen eine Plattform gebt! Davon würde ich mir mehr wünschen.

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