Monatsfrau Juni: Sandra Gredig

Mitten in die Bergwelt – dorthin führt Sandra Gredig ihr Job Tag für Tag. Verantwortlich für die Mountainbike-Infrastruktur in Davos, gestaltete sie mit Geschick, Pragmatismus und Begeisterung für den Sport über die vergangenen Jahre mit, was das Tal im Kanton Graubünden zum Bike-Mekka werden ließ. Immer im Blick: Die Gratwanderung zwischen Naturschutz und touristischer Erschließung. Bei Allegra Tourismus wird sie demnächst an der Entwicklung neuer Bike-Destinationen mitwirken. Ihr liebster Lohn: Strahlende Biker und Wertschätzung für die oftmals enormen Aufwände, um maximalen Trailspaß mit möglichst minimalen Auswirkungen auf die Bergwelt zu ermöglichen.

Sandra Gredig (Foto: Bold)


Wie bist du zum Mountainbiken gekommen?
Mitte der 90er Jahre gab’s einen Boom in Davos, viele meiner Freunde sind MTB gefahren. Auf die Konfirmation habe ich dann ein MTB mit Federgabel bekommen. Für mich als Langläuferin war das Mountainbike gerade im Frühling ein gutes Trainingsgerät.

Was ist für dich das Schönste am Biken, das Besondere im Vergleich zu anderen Sportarten?
Ich fahre sehr, sehr gerne Rad. Ob Rennrad, Mountainbike oder einfach als Transportmittel im Alltag, es gefällt mir, mich auf 2 Rädern fortzubewegen. Ich genieße es, draußen unterwegs zu sein und bevorzuge Outdoor-Sportarten. Mir gefällt auch die Unabhängigkeit. Ich kann jederzeit losfahren und meine Runde nach Lust und Laune anpassen.

Was war dein schönstes Bike-Erlebnis?
Das Tolle am Biken ist, dass jede Tour schöne Erlebnisse bietet. Speziell ist immer, wenn ich neue Gebiete entdecke. So war es sehr eindrücklich, die Slick Rocks in Moab, Utah zu befahren. Großartig war auch die erste Fahrt auf dem Chörbschhorn Trail in Davos mit der Trail Crew nach der Sanierung. Das war unsere erste große Sanierung als Team.
Und dein schlimmstes?
Ich arbeite im Teilzeitpensum als Langlauftrainerin von Jugendlichen und nutze das MTB gerne als Trainingsgerät. Während einer Ausfahrt ist ein Mädchen einen Hang runtergestürzt. Zum Glück ist nichts Schlimmes passiert, aber ich bin schon sehr erschrocken.

Du warst in den vergangenen Jahren „Projektleiterin MTB Infrastruktur“ und dabei auch Koordinatorin der „Trail Crew“ in Davos. Verrate uns: Was macht eine Trail Crew – und was waren deine Aufgaben?
Die Trail Crew wurde gegründet, um den zusätzlichen Aufwand im Wegunterhalt, der durch die Mehrbelastung durch Biker entsteht, abdecken zu können.

Die Trail Crew ist im Sommer täglich auf den Wanderwegen unterwegs. Sie betreibt Trailpflege, um Erosion und Landschaftsschäden vorzubeugen. Zudem werden Bachübergänge saniert, Erdrutsche weggeschaufelt und bikerfreundliche Zaundurchgänge montiert. Natürlich gehören auch Gespräche mit Landeigentümern, Bewirtschaftern und Wegenutzern dazu.

Die Aufgaben als Projektleiterin waren sehr vielseitig. Die Führung der Trail Crew gehörte dazu sowie strategische Überlegungen, Koordination der verschiedenen Partner, Weiterentwicklung der Tourismusdestination, Sensibilisierungsmaßnahmen, Marketingaufgaben und vieles mehr. Ich war Anlaufstelle für die verschiedensten Anliegen rund ums Biken.

Foto: Franz Thomas Balmer

Dein Arbeitsplatz sind die Berge: Traumjob oder doch ein Stück weit „normaler Arbeitsalltag“?
Nachdem ich 10 Jahre an verschiedenen Orten gewohnt hatte, wollte ich zurück in die Berge. Die Lebensqualität ist schon großartig.

Wie dürfen wir uns das vorstellen: warst du selbst täglich im Rahmen deines Jobs auf dem Bike unterwegs – z.B. um den Zustand der Wege zu begutachten und die Trail Crew entsprechend zu steuern oder …?
Ich bin oft auf den Wegen unterwegs, während der Arbeit, aber auch in der Freizeit. Zu Fuß oder mit dem Bike. Einerseits war es mir wichtig zu wissen, was mit den Wegen passiert, wie sie sich durch Wetter, Unterhalt und Nutzung verändern. Natürlich musste ich auch ein Gefühl dafür bekommen, wie die Trail Crew arbeitet, was funktioniert und wo es noch Verbesserungspotential gab. Da ich regelmäßig auf die Arbeit der Crew angesprochen wurde, war es wichtig, informiert zu sein.
Andererseits ging es um die Leute auf den Wegen. Was wird geschätzt, wo gibt es Probleme, was können wir für die Nutzer optimieren.

Foto: David Schultheiss | WOM Medien


Und was macht eine „Projektleiterin MTB Infrastruktur“ im Winter?
Ich war im 60% Jahrespensum angestellt und habe den größeren Stundenanteil im Sommer geleistet. Im Winter fielen Abschlussarbeiten und Vorbereitungen für den nächsten Sommer an, Planungsarbeiten, Bauvorbereitungen, Webseitenüberarbeitung waren typische Winteraufgaben. Da ich im Nebenjob als Langlauftrainerin arbeite, hat sich das gut ergänzt.

Wie kommt man zu so einem Job? Und was muss man dabei an Wissen und Können mitbringen?
Ich habe einen Background im Tourismus, bin in Davos aufgewachsen und kenne Landschaft und Leute. Diplomatisches Geschick, Pragmatismus und Begeisterung für den Sport haben mir Einiges erleichtert. Vieles musste ich auch einfach mal ausprobieren und dann optimieren.

Ist es ungewöhnlich, in so einer Position eine Frau zu sehen?
Im Tourismus gibt es viele Frauen, in der Infrastruktur sind Männer in der Überzahl. Ich würde schon gerne in einem gemischteren Umfeld arbeiten. Hoffen wir mal, dass sich das ändert.

War es je ein Thema für „deine Männer“ in der Crew, dass sie von einer Frau angeleitet werden?
Das müsste man die Crew fragen. Ich habe immer sehr gerne mit meinem Team zusammengearbeitet, die Aufgabenteilung war sehr klar und dadurch konnte jeder seine Expertise nutzen.

Was reizt dich besonders daran, Biketourismus-Destinationen zu entwickeln? Wo siehst du die Herausforderungen?  Wo die Chancen?
Der Prozess ist das Spannende. Wo steht eine Destination, wo will sie hin und warum? Wer sind die treibenden Kräfte, welche Ängste und Träume sind vorhanden? Die Entwicklung einer Destination zu beobachten und zu begleiten ist schon sehr spannend. Erst recht, wenn man dann vor strahlenden Bikern steht, die einem bestätigen, dass die Arbeit geschätzt wird.

Was macht für dich eine „gute“  bzw. „gelungene Bike-Destination aus?
Bei Allegra arbeiten wir mit den drei Schlagworten Trails, Services und Identity. Alle drei sind wichtig damit sich Biker wohl fühlen.

Immer mehr Skiregionen setzen im Sommer auf Mountainbiker als neue Zielgruppe und gebaute Trails durchziehen mehr und mehr die Hänge. Was meinst du: Ist das die Zukunft – des Alpentourismus, wie des Mountainbike-Sports?
Die Stärkung des Sommertourismus ist für Skiregionen extrem wichtig. Es reicht nicht mehr, sich nur auf den Wintertourismus zu konzentrieren. Wandern und Mountainbiken sind gute  Möglichkeiten für diese Destinationen. Die bereits vorhandenen Bergbahnen bieten einen Mehrwert. Trotzdem, die Anzahl gebauter Trails ist immer noch sehr klein und wird auch in den nächsten Jahre nicht explodieren. In Davos hatten bisher Wegsanierungen erste Priorität – es ist besser die vorhandene Infrastruktur zu optimieren, bevor man komplett neue Strecken baut. Neubauten haben wir jetzt keinen einzigen gemacht. Interessant ist auch, dass eine der beliebtesten Runden in Davos die Pischarunde ist, obwohl es da keine Aufstiegshilfen gibt und die Höhenmeter mit Muskelkraft bezwungen werden müssen. Dafür ist das Panorama wunderschön und die Abfahrt ein Genuss.

Gebaute Trails versus „Naturwege“. Wo liegen deine persönlichen Vorlieben?
In Graubünden ist Biken auf Wanderwegen erlaubt, deshalb waren diese von Anfang an mein Terrain und diese Wege sind auch heute noch meine Präferenz. Allerdings wurden diese „Naturwege“ ja auch mal gebaut oder zumindest getrampelt, und sind nicht komplett natürlich. Mir gefällt, wie sich die Wege immer wieder verändern und sich immer neue Herausforderungen stellen. Auf Downhillpisten bin ich nicht zu Hause, das überlasse ich lieber anderen.

Foto: Reto Burgermeister


Mountainbike-Tourismus und Naturschutz – hier stehen sich oftmals gegensätzliche Interessen gegenüber. Wie siehst du die Problematik? Und wie bist du bisher damit im Rahmen deines Berufs umgegangen?
Naturschutz und Tourismus, das ist immer eine Gratwanderung. Je mehr Menschen in der Natur unterwegs sind, umso grösser ist die Problematik.

Wichtig ist, dass man sich an einige Regeln hält. Wenn man keine Spuren hinterlässt, auf den markierten Wegen bleibt und die Ruhezeiten des Wildes respektiert, hat man schon einiges getan. Wildtiere sind zu Dämmerungsstunden und in der Nacht besonders störanfällig. Daher macht es Sinn, wenn Bergbahnen ihren Betrieb auf die Tagesstunden beschränken. Auf Fahrten in der Nacht sollte verzichtet werden. Mit verschiedenen Lenkungsmaßnahmen im Marketing und Unterhalt wird eine gewisse Steuerung angestrebt.

Neubau-Projekte werden von den Ämtern und Umweltschutzverbänden immer kritisch geprüft. Dies verzögert einerseits die Umsetzung, hilft aber, damit ein Gleichgewicht gewahrt werden kann.

Gibt es in diesem Zusammenhang einen Naturschutz-Aspekt, der dir besonders am Herzen liegt?
Eher ein Grundverhalten. Ich habe große Mühe mit rücksichtslosem oder respektlosem Verhalten. Sei es gegenüber Natur, Tieren oder Mitmenschen.

Wie sieht für dich „umweltfreundliches Biken“ aus – und wie sehr beeinflusst dein Job dein eigenes Fahrverhalten?
Die Trail Etiquette ist vielen bekannt und kann zum Beispiel bei der IMBA nachgelesen werden (https://www.imba.com/ride/imba-rules-of-the-trail). Auf den Wegen bleiben, keine (Brems-, Abfall-)spuren hinterlassen, Respekt für Umwelt und andere Wegnutzer.
Ich fahre bewusster, seit mir klar ist, wie viel Arbeit investiert wird, um einen Trail zu pflegen und welche Auswirkungen mein Verhalten haben kann.

Wie sind deine Gefühle, wenn du mitansiehst, wie ein neuer Trail in einen – ggf. bisher unberührten – Hang gegraben oder gefräst wird? Blutet da ein Stück weit dein Herz oder überwiegt die Freude auf den neuen Trail oder … ?
Wenn die Grundsätze der Nachhaltigkeit beachtet werden, kann ich gut damit leben und freue mich auch darauf.

Betreibt ihr mit der Trail Crew vor allem Naturschutz oder Trailschutz?
Die beiden gehen Hand in Hand. Ein intakter Trail verleitet zum Beispiel weniger zum Abkürzen, was der ganzen Umgebung zu Gute kommt. Dadurch gibt es weniger Probleme mit Erosion, was wiederum dem Trailschutz hilft.

Wo liegen aus deiner Sicht die Grenzen der Erschließbarkeit? Wie viel „Mountainbiker“ erträgt die Bergwelt? Unsere Berge sind schon sehr gut erschlossen, daran wird sich nicht mehr viel ändern. In Bezug auf das Wild geht man davon aus, dass es keine Mehrbelastung durch Biker gibt, solange auf den Wegen gefahren wird.

Was denkst du: welche Auswirkungen auf den Biketourismus (und die Bergwelt) hat der steil ansteigende E-Bike-Trend?
Die Entwicklung der E-Bikes ist noch nicht abgeschlossen, da wird sich noch einiges tun Gerade die Leistung und Reichweite der Batterien wird sich noch weiterentwickeln. Ich erhoffe mir, dass die Eintrittsschwelle zum Biken tiefer wird, dass auch physisch weniger fitte Biker genussvolle Erlebnisse haben können. Ich erwarte, dass größere Distanzen zurückgelegt werden, vielleicht auch längere Aufstiege bewältigt werden. Bisher ist es allerdings so, dass E-Biker die Bergbahnen durchaus als Transportmittel nutzen.

Foto: Reto Burgermeister

Welches Bike fährst du selbst (am liebsten) – in welchem Setup?
Infos dazu gibts auf https://boldcycles.com/crew/sandra-gredig/

Und noch eine Dialektik, die du kann bereits kurz erwähnt hast: Auch Wanderer und Biker stehen als Interessengruppen oftmals auf unterschiedlichen Seiten. Gibt es hierfür aus deiner Sicht gelungene Lösungen?  In Davos sehen wir, dass man mit Toleranz und guter Planung weit kommt. Auf den meisten Wegen ist die geteilte Nutzung kein Problem, da die Frequenzen auf den Wegen klein sind. Trotzdem gibt es Wegabschnitte, auf welchen es anstrengend werden kann, weil viele Wanderer und Biker unterwegs sind. Hier hilft gut Planung: es macht keinen Sinn, diese Strecken an schönen Wochenenden oder zu gewissen Tageszeiten zu befahren oder auch zu begehen. Solange wir in der glücklichen Lage sind, aus so vielen Kilometern auszuwählen, ist dies kein Problem.

Nicht nur Destinationen und Trails verändern sich, sondern auch bei dir stehen Veränderungen an: Ab Mai wirst du zu Allegra Tourismus wechseln und auch dort als Projektleiterin tätig sein. Was verbirgt sich hinter deinem neuen Aufgabenbereich dort? Welche Themen kommen neu hinzu? Was ist dir persönlich an der Veränderung wichtig?
Bei Allegra werde ich hauptsächlich in der Destinationsentwicklung arbeiten und auch Regionalprojekte betreuen. Dafür werde ich etwas weniger mit Trailbau zu tun haben. Ich freue mich auf ein Team von Experten, auf neue Destinationen und neue Arbeitstechniken.

Welchen Rat möchtest du anderen Bikerinnen noch mit auf den Weg geben?
Freude haben, zwischendurch etwas Neues lernen und mit Neugier unterwegs sein.

Vielen Dank für das Interview!

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