Monatsfrau November: Raphaela Richter

25. November 2016 | Jule | Persönlichkeiten | Monatsfrauen,

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Foto: Irmo Keizer

Raphaela ist so jung wie schnell wie sympathisch – und gerade dabei, eine der ganz Großen im Enduro-Rennsport zu werden. Die 18jährige Oberfränkin beeindruckt durch ihren spielerischen Style und ihren konsequenten Ehrgeiz, im Gespräch aber auch durch wunderbare Bodenhaftung und Familiensinn.  Nach soeben erfolgreich bestandenem Abi möchte sie in der kommenden Saison so richtig Gas geben und ist selbst so gespannt wie wir, wie weit sie das auf den internationalen Ranglisten nach vorne tragen wird. Wie sie den Rennzirkus von Kindesbeinen an erlebt hat und welche starken Männer ihr dabei (schon lange) zur Seite stehen, erzählte sie uns im Interview … 

Raphaela, wie bist du zum Mountainbiken gekommen?
Ich fahre schon MTB seit 2003, also seit ich fünf Jahre alt bin. Damals wurde ich sehr von meinen zwei großen Brüdern beeinflusst und habe ihnen auch gerne Dinge nachgemacht. Als diese also mit dem Cross-Country ein Jahr vor mir begonnen haben, musste ich natürlich nachziehen.

Was ist für dich das Schönste am Biken, das Besondere im Vergleich zu anderen Sportarten?
Schwierige Frage… Ab und zu macht man schon mal andere Sportarten. Ich finde zum Beispiel Schwimmen mittlerweile auch richtig cool, weil ich darin Abi machen musste und daher viel dafür trainiert habe im Winter, aber im Prinzip führt man dort nur stur seine Bewegung aus und konzentriert sich auf die Atmung. Da fehlt mir einfach das Adrenalin und auch die ein oder andere unvorhergesehene Situation, auf die richtig reagiert werden muss.

Was war dein schönstes Bike-Erlebnis?
Das war mein überraschender Sieg bei meinem ersten Endurorennen in Schöneck, dem Roll&Rock. Damals waren auch richtig viele Zuschauer für die letzten Nachtstage im Tal und machten richtig Stimmung.
Und dein schlimmstes?
2012 wurde die bayerische Meisterschaft im XC in Bayreuth ausgetragen, das war mein Heimrennen. Doch irgendwie lief an diesem Tag überhaupt nichts für mich und ich beendete das Rennen als letzte in der U17. Die Woche darauf war die Deutsche Meisterschaft und ich war nach der Bayerischen von einer schweren Erkältung geschwächt trotzdem angereist. Letztendlich musste ich dann aber doch einsehen, dass es nichts bringt mitzufahren. Da keine Erfolge in dieser Zeit kamen, hatte ich immer weniger Lust und war kurz davor mit dem MTB aufzuhören, doch dann kam das besagte Rennen in Schöneck.

Fangen wir mal ganz von vorne an: Du hast als Kind  bereits mit Bike-Rennen begonnen, bist in der Bayernliga gefahren und  bis zur Bundesnachwuchssichtung gekommen. Wer war die treibende Kraft dahinter? Und wie hast du das Rennenfahren damals erlebt?  
Mein Papa ist recht erfolgreich Motorrad Enduro und später dann auch Motocross gefahren. Vielleicht wurde uns – mir und meinen Brüdern – das Rennenfahren da auch ein bisschen in die Wiege gelegt. Ich selbst hab mit 5 angefangen regionale Cross Country-Rennen zu fahren.  Aber so richtig kann ich mich an die Anfänge gar nicht mehr erinnern. Ich hab mich einfach mit den anderen Kindern immer gut verstanden und wir haben vorher bei anderen Rennen zugeschaut und am Streckenrand gespielt, dann sind wir selbst kurz Rennen fahren – das war auch schön – und danach haben wir wieder gespielt. Da stand immer der Spaß im Vordergrund. Als es dann aber in der U13 losging mit der Bayernliga wurde es irgendwie von Jahr zu Jahr ernster.
Zum Ende hin hat mir das Rennenfahren bzw. das Cross Country nicht mehr so viel Spaß gemacht. Natürlich war immer der Leistungsgedanke dahinter, ich wollte eigentlich immer vorne mitfahren. Wie das dann nicht mehr so gut geklappt hat, war ich schon ziemlich enttäuscht. Mit dem Leistungsabfall ist dann auch der Spaß verloren gegangen – zumindest am reinen CC fahren. Z.B. Trial und Slalom, was in der Nachwuchssichtung auch gefragt war, hat mir dagegen immer sehr Spaß gemacht und das Technische ist ja auch das, was mir im Enduro so gefällt.
Meine Eltern und Brüder haben mich eigentlich immer unterstützt – da bin ich auch sehr froh drum. Beim Wechsel zum Enduro hatte meine Mama zwar erst noch etwas Bedenken, „weil es ja zu gefährlich“ sei. Doch sobald sie begriffen hat, dass es mir einfach Spaß macht, hat sie mich machen lassen.

(Fotos: Privat)

Viele Leistungssportler, die bereits als Kinder so aktiv sind, haben in der Pubertät einen Motivationseinbruch, kehren dem Rennsport oftmals sogar den Rücken zu. Wie war das bei dir?
Dass es einen richtigen Motivationseinbruch gab, würd ich so jetzt nicht sagen, aber wenn man auf einer normalen Schule ist, nicht auf einer speziellen Sportschule wo sich alles um den Leistung dreht, dann ist es halt so, dass man irgendwann anfängt feiern zu gehen – und dann möchte man am Wochenende oft gerne mehr weggehen und das Training lieber zurückfahren. Aber dann merkt man natürlich bei den Rennen, dass die Fitness nachgelassen hat, weil man zu viel gefeiert hat. Manchmal war es bei mir so, dass ich mir gedacht hab „Fortgehen wäre jetzt auch schön, aber ich muss bzw. will am Vormittag trainieren“ und dann musste ich halt schon abwägen. Aber ich denke, dass ich das im Großen und Ganzen ganz gut hinbekommen habe.

Wie kam dann schließlich der Disziplinen-Wechsel hin zum Enduro?
Bei der Bayerischen und Deutschen Meisterschaft war ich ja so schlecht und später ist dann rausgekommen, dass es am Pfeiffer‘schen Drüsenfieber lag. Das war 2012 – und danach hatte ich dann einfach keinen Bock mehr auf CC, weil ich keinen Berg mehr hochgekommen bin. Oben war ich dann im hinteren Feld und auf den Singletrails runter musste ich versuchen, zu überholen oder oft hinterher fahren. Also konnte ich nicht mal mehr bergab mein Tempo fahren und Spaß haben. Es war hoch eine Qual und runter langweilig. Als ich dann vom Enduro gehört habe, hat es sich ganz verlockend angehört.

Was macht «Enduro» für dich aus?
Enduro – neben dem Rennenfahren steht es für mich einfach für das Radfahren an sich. Was mir aufgefallen ist und auch so gefallen hat, ist die lockere Atmosphäre zwischen den Fahrern. Beim CC war es – vor allem im Bayernkader – viel Konkurrenzkampf und
– vielleicht lag das aber auch an der Pubertät 😉 – Gezicke. Im Enduro, da hilft man sich gegenseitig, auch wenn es inzwischen dort auch viel um Leistung geht. Der Spaß steht aber immer noch im Vordergrund – auch unter den guten Fahrern. Man gönnt sich einfach untereinander mehr. Und das gefällt mir so am Enduro.
Enduro bestimmt schon stark meine Wochen- bzw. Lebensplanung, Training, Wettkämpfe, Bikeparkbesuche, etc., aber ich würde es jetzt nicht als meinen „Lebensstil“ bezeichnen, weil ich ja auch noch viele andere Sachen mache als Enduro, z.B.  viel mit Freunden, die damit gar nichts am Hut haben.

Dann besteht dein Leben also nicht nur aus Biken?
In der 10./Anfang der 11. hatte ich eigentlich den Plan im Kopf, dass ich nach dem Abi einfach Fahrrad fahren wollte und hab auch dafür gekämpft, z.B. gegen meine Mutter, die meinte, ich solle lieber gleich mit dem Studium anfangen. Ich hab mich echt dafür eingesetzt, dass ich Fahrradfahren kann. Und dann hab ich Ende der 11. Klasse einen Freund gefunden (der mit Biken bisher nix am Hut hat) und der hält mich zwar nicht davon ab, aber ich möchte ihn natürlich miteinplanen.
Ich bin auch eher ein Familientyp. Freunde sind mir wichtig und ich bin gerne in Kontakt mit ihnen. Von daher beinhaltet meine Planung das auch immer.

Fährst du heute nur noch Enduro-Rennen oder bist du auch in anderen Disziplinen unterwegs?
Ja, nur noch Enduro. Ab und an trete ich wie mein Bruder Philipp in die Fußstapfen von meinem Papa und setze mich aufs Motorrad. Aber bis jetzt war das nur zwei Mal der Fall. Das wird sich aber ändern, auch wenn die Mama schon wieder viel zu besorgt ist :D. Aber Rennen plane ich da keine.

Wie viele deiner Wochenenden sind fürs Rennenfahren reserviert? Und welche Rennen hast du aktuell im Fokus?
Die letzten Jahre war der Schwerpunkt noch national.  Mittlerweile lege ich ihn aber doch auf die internationalen Rennen. Heuer ist mein Ziel, in der EWS, der World Series, in der U21 Klasse zu gewinnen. Und ich hab da auch schon gerechnet, welche und wie viele Rennen ich fahren muss, damit das gelingt.
Die Saison ist alles ziemlich mau, weil die European Series ja weggefallen ist. So fahre ich nur noch ca. 10 Rennen diese Saison, darunter eben die europäischen Läufe der World Series, die Specialized Sram Enduro Series und das ein oder andere Enduro1 Rennen. Aber es bleibt am Wochenende auch noch viel Zeit für Bikepark, etc.

Kannst du deinen Rennkalender selbst definieren oder gibt es hier Vorgaben von deinem Team?
Sie lassen mir schon sehr viel Spielraum. Eigentlich sollte und wollte ich die European Serie noch fahren (aber die gibt es ja jetzt nicht mehr). Wir sprechen das immer am Anfang vom Jahr ab. Sie fragen mich, welche Serien ich fahren will und wenn es noch andere Wünsche oder Einzelveranstaltungen gibt, die ich fahren soll, versuchen wir das einzubauen. Das läuft kooperativ und nicht über explizite Vorgaben.

(Foto: Irmo Keizer)

Welches ist das tollste Enduro-Rennen für dich?
Das Rennen, das mir am meisten am Herz liegt, ist in Schöneck – da bin ich mein erstes Rennen gefahren. Und ich find‘s auch immer wieder schön zu sehen, dass da der ganze Verein dahinter steht und die Veranstaltung von daher eine gelungene ist.
EWS-mäßig fand ich‘s richtig cool in Irland. Der Hügel hat echt alles zu bieten – sehr abwechslungsreiche Trails. Und die Atmosphäre war fast wie bei einem DH-Weltcup. Es waren überall Zuschauer gestanden und haben angefeuert mit Motorsägen und allem anderen, was Krach macht – das war echt schön. Gänsehautfeeling.

Du hast sehr schnell unglaublichen Erfolg gehabt. Was, denkst du, macht dich so stark?
Ich glaube, mein 1. Enduro-Rennen hab ich auch gewonnen, weil ich überhaupt keinen Druck hatte. Ich bin einfach mitgefahren, hab‘s ausprobiert und hatte Spaß dran. Und dann habe ich weiterhin versucht, mir keinen Druck zu machen – was mittlerweile nicht mehr immer klappt, weil ich eher ein Charakter bin, der halt auch mit Ehrgeiz am Start steht und sich viele Gedanken macht.
Meine Stärke ist jetzt nichts Spezielles, wie z.B. nur Treten oder nur Gehämmer, sondern vielleicht, dass ich immer versuch, einen Flow zu finden und immer Tempo mitzunehmen, z.B. aus Kurven raus, wenige Stürze zu bauen ….  Vielleicht kommt‘s auch durch die Verspieltheit, die ich beim CC bereits hatte. Im Training oder einfach so beim Fahren halte ich einfach mal an und mach so Trial-Geschichten und da kriegt man einfach ein Gefühl fürs Rad.

Hast du auch eine kleine Schwäche?
Bei mir ist das der Prolog, da bin ich oft nicht ganz vorne. Das ist halt einfach so und da gönn ich den anderen dann auch den Erfolg. Ein Prolog ist zwar zuschauerfreundlich, aber meist ist die Zeit zwischen Training und Prolog sehr knapp – gerade wenn es regnet und man sich nochmal umziehen und das Bike vorher und nachher sauber machen muss. Da muss man dann schon schauen, dass man g’scheid was essen kann und danach rechtzeitig ins Bett kommt.

Wie viel und welche Unterstützung braucht man wenn man als Jugendliche so professionellen Bikesport betreiben möchte?
Zu aller erst muss man Entschlossen sein und das auch zeigen und durchziehen. Wenn die Eltern das dann merken, unterstützen die einen dann schon. Zumindest war das bei meinen so, meine Eltern haben mich immer so gut unterstützt haben wie es ging. Als Jugendlicher im Allgemeinen ist es meiner Meinung nach wichtig, nicht allein gelassen zu werden und Tipps von Erfahrenen zu bekommen, auch wenn man mit 15 denkt man wäre erwachsen, reif und weiß alles besser. Irgendwann checkt man‘s schon. Ich hatte natürlich riesen Glück, dass ich frühzeitig von Oliver Fuhrmann entdeckt und angesprochen wurde. Von da an habe ich dann alle nötige Unterstützung bekommen, um das Enduro professionell anzugehen.

Die ersten Rennen waren alle noch ziemlich regional. Da ist meine ganze Familie mit den Rädern auf dem Dach hingereist und wir waren dann den ganzen Tag dort. Es war also immer jemand da, der mich dann auch angefeuert und Flaschen gereicht hat. Ab und zu war auch mein Trainer mit dabei, bei den Enduro-Rennen allerdings dann nur noch selten, da sie einfach weiter weg sind.

Und wie sieht deine Unterstützung heute aus?
Bei den Rennen hier in der Nähe kommen meine Eltern nach wie vor oft mit. Ich freu mich immer, wenn ich am Streckenrand auch mal bekannte Stimmen höre. Und mein Vater, der schreit auch nicht so, sondern macht das ganz beruhigend und kann mich auch gut wieder ein bisschen runter bringen. Wenn er in der Kurve steht und sieht, dass ich sie gut gefahren bin, lobt er mich, und das hat mich schon immer anders gepushed als die Art anderer Eltern, die ihr Kind am Streckenrand angeschrienen oder vielleicht sogar runter gemacht haben, wenn was nicht so gut geklappt hat. Das haben meine Eltern nie gemacht und das war schön.
Letztes Jahr war ich eigentlich nie alleine auf einem Rennen. Es war immer der Joost, der Teamchef da, oder auch mein Teamkollegen James. Dieses Jahr bin ich ab und zu – vor allem auf den Specialized Sram Rennen – mit meinen Brüdern und alten Teamkollegen vom 29er Racing Team aus Bayreuth hingefahren. So bin ich dann eigentlich nie allein, denn mit denen kann ich die Strecke ja auch trainieren.

Materialmäßig bin ich sehr gut von meinem Team versorgt – da scheut Radon wirklich keine Kosten. Startgeld muss ich zwar selber zahlen, dafür bekomme ich Prämien für gute Ergebnisse. Wie ich angefangen habe mit‘m Enduro bin ich noch im 29er Racing Team gefahren, welches von einem Laden unterstützt wird. Da haben wir Prozente bekommen, aber insgesamt war das schon sehr viel teurer.  Da musste man dann schon schauen und überlegen, ob man wirklich das Allerbeste kauft oder halt doch nur das Zweitbeste, was auch geht, aber z.B. nicht so leicht ist. Mittlerweile ist es schon echt ein Luxus…
Da mich Radon ja schon mit 15 gefragt hat, ob ich ins Team möchte, hab ich, ehrlich gesagt, auch noch nie einen Ferienjob machen müssen – das war ganz praktisch. Davor haben mich meine Eltern immer unterstützt. Ich bin aber auch ein Sparfuchs und hab mein Geburtstagsgeld etc. immer gut gespart.

064647_irmo_keizer(Foto: Irmo Keizer)

 Was bedeutet es – außer Material-Support – für dich, Teil des Radon Factory Enduro Team zu sei?
Es macht mich auf jeden Fall stolz, im Team zu sein und es macht auch vieles – nicht alles, aber vieles – einfacher. Ich bin ja jetzt auch schon das 3. Jahr mit dem James Shirley zusammen im Team und mittlerweile ist er wie ein dritter großer Bruder für mich geworden; wir verstehen uns richtig gut, es hat sich eine richtige Freundschaft entwickelt. Und auch der Joost, der Teamchef, kümmert sich extrem gut um uns, auch wenn er vielleicht nicht bei jedem Rennen dabei ist. Es geht nicht immer nur um Leistung, sondern auch um uns „privat“. Oft ruft er uns an und fragt, ob alles in Ordnung ist oder ob wir etwas brauchen.
Direkte Erfolgsvorgaben hab ich ned, aber ich denke, das würde ich dann schon merken, wenn sie unzufrieden wären 😉
Und interne Teamkonkurrenz gibt es bei uns auch nicht – und das nicht nur, weil ich die einzige Enduro-Frau bin …

Gutes Stichwort: Wie erlebst du die Enduro-(Frauen)-Szene in dieser Hinsicht?
Ich hab manchmal das Gefühl, dass andere denken, dass ich extrem ehrgeizig bin. Das bin ich irgendwo auch. Aber ich blöffe nicht oder mache Psychospielchen, wie vielleicht manche meinen könnten, wenn ich im Startblock z.B. sage, dass die Beine heute nicht so gut sind. Zudem fahre ich gerne meinen eigenen Stiefel und mache etwa auf den Transfers keine großen Pausen, sondern fahre gerne durch. Ich denke, die meisten haben inzwischen verstanden, dass ich das einfach brauche und so verstehe ich mich inzwischen gut mit den anderen Mädels. Wir unterhalten uns auch gut und haben auch neben der Strecke Spaß.

Wie stark ist die Männer-Enduro-Rennwelt von der der Frauen getrennt? Wie ist euer Verhältnis untereinander?
Nun, ich hab ja selber 2 Brüder, darunter einer, der selbst regelmäßig auf den Rennen unterwegs ist, und ich trainiere auch daheim regelmäßig mit Jungs. Ich finde auch, dass man, wenn man im Training mit Männern fährt, schneller wird, einen anderen Grundspeed bekommt. Auf den Rennen bin ich dann auch viel mit meinem Bruder und damit in der „Männerszene“ unterwegs. Auch mit den Spitzensportlern komme ich gut klar, die sind auch alle nett.
Ob sie einen ernst nehmen als Frau? Wenn man sie überholt schon ;).

Ganz ehrlich: Wie schmerzvoll ist der Sport? Kannst du noch kurze Röcke tragen? 😉 Wie gehst du mit Angst und dem Verletzungsrisiko um?
Naja ich trage eigentlich keine Röcke, weil‘s nicht so meins ist, aber Hotpants schon noch. Ein paar Narben gehören halt dazu.
Wenn ich fahre, gehe ich ganz selten großes Risiko ein – zumindest nicht mit Absicht.
Manchmal denke ich mir im Nachhinein „hui, das war knapp“ und an das, was hätte passieren können. Ich mein, ich bin erst 18, aber dennoch merke ich schon, dass ich mit dem „Alter“ mehr über die Konsequenzen nachdenke und nicht mehr einfach mache. Aber ich hoffe, dass es jetzt dann auch mal gut ist mit dem Nachdenken, denn wenn der Kopf aus ist, fährt es sich schon am besten.
So ein bisschen weh tut man sich oft – ich falle z.B. immer auf den rechten Arm, da hab ich schon ein paar Narben. Ansonsten: Prellungen, etc. gehören einfach dazu und vor ein paar Jahren hatte ich ein paar Gehirnerschütterungen. Aber ich hab mir noch nie einen Knochen gebrochen.
Stürze gehören auf jeden Fall dazu und helfen, die eigenen Fähigkeiten und Grenzen besser einzuschätzen bzw. zu lernen, dass man etwas anders machen muss. Manchmal nervt es einen schon gewaltig, wenn man mal im Dreck liegt, aber dann muss man einfach trotzdem wieder aufstehen und weitermachen.

Gönn uns mal einen Blick hinter die Protektoren: Wie „seriös“ bzw. „gspinnert“ sind Enduro-Fahrerin(innen)?
Zu meinen Anfangszeiten, in den ersten 2 Saisons in denen ich noch für das 29er Racing Team gefahren bin, war es schon so, dass wir abends gerne mal ne Gaudi gemacht haben. Wir hatten auch immer einen Grill dabei und die Jungs haben schon mal das ein oder andere Bier getrunken – ohne sich dabei wegzuschießen. Es war einfach gesellig und lustig, aber nicht so voll die Party.
Seit ich für Radon fahre und alles ziemlich steil bergauf gegangen ist und professioneller wurde, krieg ich das eigentlich gar nicht mehr so richtig mit.  Ich glaube, in der „Open Class“ der Specialized Serie ist noch alles etwas gechillter und da fließt auch ein bisschen Bier am Vorabend. Spricht ja auch nix dagegen, solange sie am nächsten Tag noch fahren können. Und wer besoffen ist und immer noch schnell fahren kann, dem gebührt auch mein vollster Respekt :D.  In der World Series gibt’s nach dem Rennen oft ne After Party – vielleicht kann man es als Belohnung sehen –  aber davor wird sich aufs Rennenfahren konzentriert.

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(Foto: Irmo Keizer)

Enduro ist also nicht nur Spaß, sondern auch harte Arbeit: Wie trainierst du?
Ich bin im Frühling viel mit‘m Rennrad gefahren, um Grundlage zu bekommen, im Winter auch viel auf der Rolle, dazu viel Krafttraining. Insgesamt ca. 4 – 6 Mal die Woche. Wenn man die EWS-Spitzenleute anschaut, ist  das nicht genug, aber parallel zu Schule war das schon ok.
Ansonsten fahr ich einfach ne Runde Enduro und auch immer wieder Sprints dazwischen, denn Enduro ist ja nicht nur Ausdauer, sondern man muss auch, gerade bei den kurzen Stages in Deutschland, nach jeder Kurve mit ausreichend Druck aufm Pedal rauskommen.

Da ich gerade (Sport)Abi gemacht habe, hat sich mein Training im Winter etwas verändert. Ich wollte unbedingt 15 Punkte im Schwimmen und hab dafür dann auch echt viel gemacht. Schwimmen ist allerdings nicht Fahrradfahren. Man kann vielleicht ausdauermäßig was mitnehmen, aber es ist eine andere Beanspruchung und das hab ich dann auch gemerkt, wies mal wieder auf Rad ging.
Direkt vor dem Abi hab ich dann etwas zurückgefahren und hab mehr spaßige Sachen, z.B. im Bikepark gemacht.
Jetzt, wo ich raus bin aus der Schule hab ich den ganzen Tag Zeit und kann trainieren und abends dann was mit meinem Freund machen. Das klappt ganz gut. Früher war das oft stressig und auch nicht so einfach, Essen und Lernen mit dem Training zu vereinbaren. Für Freunde war da außerhalb der Schule kaum noch Zeit. Aber es gab auch Phasen, wenn ich krank war und nicht fahren konnte, in denen mir es fast ein wenig langweilig wurde…

Wer macht dir den Plan? Hast du einen Trainer?
Wir hatten im Verein jemanden mit Trainerschein vom BRV, der einige von uns trainiert hat. Der war aber mehr auf CC spezialisiert und hat mir nur am Anfang meiner Endurozeit noch einen Plan geschrieben. Als es aufs Abi zugegangen ist, hab ich erstmal gesagt, dass ich keinen Plan mehr will, sondern lieber selber trainiere. Ich hab ja schon viel Trainingserfahrung gesammelt und auch in  Sport Abi gemacht. Da lernt man ja auch einiges über Trainingsmethoden und ich hab mir dann selbst viel Gedanken gemacht, was schlau wäre, wie und wann zu trainieren und mehr auf meinen Körper gehört. Bei Fragen kann ich mich aber immer noch an meinen Ex Trainer wenden. Beim Krafttraining steht mir mein ältester Bruder Philipp zur Seite.

Du wohnst noch zuhause, also in Oberfranken. Wie und wo lässt es sich dort biken?
Am  meisten fahr ich rund um Bayreuth herum. Da gibt’s allerdings nur kleine Hügel und die Abfahrten dauern grad mal ne Minute. Dafür ist es dann schon viel Treterei. Der Boden ist recht sandig und es gibt auch einige gute Trails, die mir langsam allerdings schon etwas langweilig werden. Da weich ich dann gerne mal ins Fichtegebirge aus. Dort ist der Boden ganz anders mit Steinen, Wurzeln, alles etwas steiler. Wir wohnen am Rand der Fränkischen Schweiz und fahren 1, 2 mal im Jahr in einer Gruppe dorthin, um da ne lange Runde zu fahren. Da muss man allerdings mit Wanderern aufpassen – aber das ist ja fast überall so…

Wie schaut dein Lieblingsterrain aus?
Im Großen und Ganzen fühle ich mich auf Stein nicht ganz so wohl, vor allem, wenn es nass ist. Ich mag‘s aber auch nicht zu einfach, ein Wurzelfeld, ein steiles Stück oder der ein oder andere Sprung – das macht schon Spaß. Und NUR Bikepark finde ich auch langweilig. Besser: Ein schneller Naturtrail mit Flow, Wurzeln … Frischer Waldboden ist auch immer super! Ansonsten, ob Mittel- oder Hochgebirge: In den Bergen sind die Abfahrten einfach länger. Das ist auch gut.

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(Foto: Irmo Keizer)

Was sind deine 3 Lieblingsprodukte rund ums Biken?
Im Bereich Schoner gefallen mir am besten die IXS Carve Evo Knieschoner. Während meiner Zeit im Enduro habe ich schon das ein oder andere Modell probieren können, habe aber festgestellt, dass viele doch gerne an den Beinen scheuern.

Am Rad selbst finde ich nicht nur im Endurobereich sondern mittlerweile auch im XC absenkbare Sattelstützen eine richtig gute Investition. Ich bin immer auf der RockShox Reverb unterwegs und bin begeistert davon! Aber aufgrund meiner kurzen Beine brauche ich immer die kürzere 125mm Version.

Am wichtigsten am Rad sind meiner Meinung nach auch die Bremsen, vor allem die Vorderradbremse. Nach fast zwei Jahren mit der Magura MT7, kann ich diese nur weiterempfehlen.

Wie geht’s nun, nachdem erfolgreichen Abi, bei dir weiter?
Ich will auf jedem Fall weiter versuchen, World Series zu fahren, meine Zeiten mit den Elite-Fahrerinnen vergleichen und das Beste rausholen. Ich will aber in jedem Fall realistisch bleiben. Ich weiß gar nicht, wie Tracy Mosley und Anne Caroline Chausson so schnell fahren können. Das scheint noch so unerreichbar zu sein. Da müsste schon ein Wunder passieren, dass ich da sofort aufs Podest komme. Aber es rücken auch viele andere nach – auch Fahrerinnen, die schon mal mein Tempo gefahren sind, wie z.B. die Gehrigs, die dieses Jahr extrem gut sind. Die wären also mit Fleiß eigentlich erreichbar …

Wo möchtest du noch hin, was ist dein Traum?
Kurzfristig ist mein Ziel jetzt eben den Sieg in der U21-Klasse. Sportlich hab ich sonst mittel- und langfristig noch nichts Konkretes geplant. Da muss ich meine Gedanken jetzt dann erstmal sortieren. Es war ein ziemlich einschneidendes Jahr für mich – mit dem Abi. Ich möchte gerne Geografie studieren, weiß aber noch nicht so genau, was ich dann damit mache. Es interessiert mich einfach.
Grundsätzlich bin ich eher spontan und lass die Dinge gern auf mich zukommen. Die Hauptsache für mich ist, dass ich immer Spaß an dem hab, was ich mache. Und dann wird schon was dabei rauskommen 😉

Welchen Rat möchtest du anderen Bikerinnen mit auf den Weg geben?
Verliert bitte nie den Spaß an dem Sport aus den Augen, auch wenn man ambitioniert an die Sache rangeht. Und zum schneller werden hilft es viel mit Jungs zu fahren.

Und – wie immer – ganz zum Schluss noch: Wie gefällt dir (das neue) GIRLSRIDETOO.DE
Ich finde gut, dass viele Rennberichte von ganz verschiedenen Rennserien und Disziplinen auf der Seite zu finden sind. Außerdem, glaube ich, wird versucht Frauen zum Radfahren zu motivieren. Der Spaß steht im Vordergrund. Cooles Ding!
[Das Interview führte Jule mit Rapahela im August]

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