Monatsfrau August: Lea Weill

23. August 2016 | Jule | Persönlichkeiten | Monatsfrauen,

Foto: Tom Jedrzejas

Foto: Tom Jedrzejas

[Gastbeitrag von Hannah Roether] Whips, Backflips, Tabletops – während es immer mehr Frauen auf Mountainbikes gibt, scheinen diese Tricks nach wie vor den Männern vorbehalten zu sein. Lea Weill ist eine der Frauen, die beweisen, dass das kein Naturgesetz ist. Die LAST-Teamfahrerin sieht man in Bikeparks vor allem: in der Luft. Mit einem Video von ihrem ersten Backflip wird sie 2012 bekannt. Häufig trifft man sie in Lac Blanc, wo sie einen schon mal mit ihrer Schlagfertigkeit und ihrem Style einschüchtern kann. Im Interview gewährt uns Lea einen spannenden Einblick in die Welt des Fliegens, der französischen Macho-Kultur und der Kunst, auf den richtigen Moment zu warten – und ist damit unsere Monatsfrau im August.

Hallo Lea! Ich habe dich vor Jahren bei meinem ersten Bikepark Ausflug nach Lac Blanc gesehen und war ganz schön beeindruckt. Ich freue mich, dich endlich mal persönlich kennen zu lernen! Stell dich doch bitte kurz vor:
Ich bin Lea, 23 Jahre alt und komme aus Strasburg im Osten Frankreichs. Aktuell absolviere ich ein Praktikum bei der Rucksackmarke Prism in Lyon, nachdem ich Sport mit dem Schwerpunkt Marketing studiert habe.

Wie bist du zum Mountainbiken gekommen? Und vor allem: zu den großen Sprüngen?
Strasburg ist eine völlig flache Stadt, ohne Erhebungen. In der Nähe von meinem zu Hause gab es ein paar kleine Dirt Jumps. Da habe ich als Kind die Jugendlichen beobachten und gedacht, das will ich auch! Mit 13 habe ich dann mein erstes Dirtbike bekommen und sofort mit dem Fußballspielen aufgehört. (lacht). Mit 17 hat mich ein Freund nach Lac Blanc mitgenommen und als ich mit 18 meinen Führerschein gemacht habe, konnte ich die Wochenenden immer dort verbringen.

Und welche Bikes besitzt du heute?
Ein Dirtbike, ein DH und ein Enduro. Alle drei von meinem Sponsor LAST, womit ich Glück habe, weil sie für genau diese Disziplinen perfekte Räder bauen. Das Enduro kam zum Schluss dazu. Ich habe nie gerne viel pedaliert, bei mir ging es immer ums Springen.

Kannst du uns etwas zu deinem Setup erzählen?
An meinem DH/Freeride Bike, dem LAST Herb 204, fahre ich eine Einfachbrücken-Gabel. Ich wiege nicht viel, habe auch nicht kiloweise Muskeln und kann auf diese Weise Gewicht sparen, so habe ich ein verspielteres Bike. Gleichzeitig kommt das Tretlager tiefer als mit einer 200mm-Front, das macht es laufruhiger. Meinen Lenkwinkel habe ich etwas steiler gemacht, so lässt sich das Bike gut bewegen, wenn man an jeder Wurzel und jedem Stein rumhüpfen will. Ich fahre einen Vivid Air mit sehr langsamer Zugstufe, damit mich missglückte Landungen nicht so leicht überraschen! An allen drei Rädern habe ich die gleiche Lenkerbreite montiert (750mm), was mir dabei hilft, Tricks zu übertragen.

Wie kommt es, dass du als Französin für die Firma LAST fährst, einer kleinen Kultmarke aus dem Ruhrpott?
Wir kamen ins Gespräch, nachdem ich mein Backflip-Video veröffentlicht hatte. Ich hatte damals schon ein Ruffnix, den Dirtrahmen. Das Video habe ich den Jungs zugeschickt und gesagt: „Hört zu, ich will ein Enduro Bike und ein DH Bike, bekomme ich ein Sponsoring?“ Und das lief dann, womit ich bis heute sehr glücklich bin. Jochen von Last hört mir zu, unterstützt mich und glaubt an mich. Französische Marken würden das nicht tun.

(Fotos: Till Martin)

Warum? Bei deinem Können und den Fotos, die du produzierst, müssten die Hersteller doch bei dir Schlange stehen?
Nicht wirklich. Das liegt zum einen daran, dass ich nicht an Wettkämpfen teilnehme. Dafür bin ich nicht gemacht. Ich habe früher viel Fußball gespielt und Judo gemacht, aber sobald es um Wettkämpfe ging, hat mich das genervt. Für mich geht es beim Sport um Spaß haben, Freunde treffen, alles nicht so ernst nehmen…beim Judo musste man immer auf sein Gewicht achten, beim Fußball hatten nach einem verlorenen Spiel alle schlechte Laune – das konnte ich überhaupt nicht nachvollziehen, nach dem Motto: Leute, wir hatten doch Spaß! Ich bin die erste, die bei einem Worldcup mitfiebert, aber ich selbst sehe mich darin einfach nicht. Außerdem veranlassen dich Wettkämpfe Risiken einzugehen, die du sonst nicht eingehen würdest. Bei strömenden Regen rausgehen, um auf Zeit zu fahren? Ne, da bleibe ich lieber zu Hause und fahre erst, wenn das Wetter wieder besser ist.

Dafür machst du Fotos und Videos von Tricks, die dich zu einer der wohl besten Freeriderinnen überhaupt machen…
Und das ist auch der Grund, warum das mit LAST funktioniert. Ich habe einen Foto-/Video Vertrag und keinen Race-Vertrag. In Deutschland herrscht außerdem eine sehr viel fortgeschrittenere Mentalität, was weiblichen Sport generell angeht. In Deutschland ist ein Mädchen, das Fußball spielt, normal. Zumindest im Vergleich zu Frankreich – da muss man sich dauernd Sprüche anhören, da herrscht eine ganz schöne Macho-Mentalität. Zum Beispiel die Monatsfrauen: in Frankreich gibt es kein Magazin, das so etwas machen würde. Da gibt’s vielleicht mal ein paar extra „Mädchen“ Seiten – Mädchen wohlgemerkt, nie Frauen. Sobald es um Frauen geht heißt es „Bitte schön lächeln für das Foto“ oder „ihr Talent ist so schön wie ihr Lächeln“ – das würdest du doch nie über einen Mann schreiben!

Ich habe auch das Gefühl, dass es in Frankreich noch viel weniger Frauen gibt, die Mountainbiken? Liegt das auch daran?
Ich glaube, das hat auch mit der Art und Weise zu tun, wie sich die Kerle gegenüber Frauen verhalten, egal ob es dabei jetzt ums Biken geht oder nicht. Ich habe mehrere Schüleraustausche nach Berlin gemacht und fand, dass sich Mädchen und Jungen sehr nahe stehen. In Deutschland habe ich gesehen, dass man sich zur Begrüßung umarmt. In Frankreich ist man da viel distanzierter, auch in der Schule herrscht da eine starke Geschlechtertrennung. Und das führt dann glaube ich dazu, dass sich eine Gruppe von Mountainbikern einfach unwohl fühlt, wenn Mädchen oder Frauen dabei sind. Die wissen gar nicht, wie man sich da verhält.

Trotzdem hast du dich davon nicht beirren lassen und dein Ding gemacht. Was hat dir dabei geholfen?
Ich erinnere mich z. B. an ein Magazin aus meiner Jugend, das ein Interview mit Sabrina Jonnier gebracht hat. Das war für mich so ein Aha-Moment: Ich bin ja gar nicht alleine! Die ist Französin und Weltmeisterin. Wow, das hat mich ganz schön gefreut. Oder an ein Interview mit Anne-Caro Chausson im Fernsehen, wo im Untertitel stand: 17-fache Weltmeisterin. Da gibt es schon zwei, drei Personen, die mich beeindruckt haben und gezeigt haben, dass es noch Andere gibt. Mit den blöden Machosprüchen der Jungs kam ich immer relativ gut klar, die konnte ich leicht ignorieren. Das ist wohl eine Frage der Persönlichkeit. Es ist witzig, wie es heute immer noch vorkommt, dass sich Typen beim gemeinsamen Biken aufspielen müssen und sich bei der ersten Abfahrt vor mich drängeln. Ich lasse die dann machen, und wenn wir unten sind, sind die plötzlich ganz kleinlaut. Und dann  kommt der Spruch: „Du fährst echt gut für ein Mädchen“, worauf ich dann sage: „Nein, ich fahre gut für Lea“. Ich glaube, dass sich viele Frauen von solchen Sprüchen verletzen und einschränken lassen. Wenn sie nicht weiter kommen oder etwas nicht können, denken sie, dass es daran liegt, dass sie eine Frau sind.

Wie ist das mit so großen Sprüngen – gibt es da welche, wo eine Frau einfach wegen der Kraft an die Grenzen stößt?
Eine Frau kann alles machen, was ein Mann kann. Es gibt nur so wenige Frauen, die das machen, was glaube ich dazu führt, dass viele Frauen gar nicht wissen, was sie können. Es müssen einfach mehr zeigen, was möglich ist. Wenn ein kleines Mädchen eine Balletttänzerin sieht – klassisches Ballett ist unglaublich schwer! – dann sieht es: ok, das kann ich auch. An dem Tag, an dem kleine Mädchen Frauen auf Motocross Maschinen sehen, weil sie in den Medien gezeigt werden und es mehr Frauen gibt, die das machen, dann haben wir schon viel gewonnen. Ich glaube, unsere Leidenschaften sind uns nicht angeboren. Es gibt einfach einen zufälligen Moment, in dem du etwas siehst und denkst, cool, das gefällt mir und dann machst du das. Ich hätte genauso gut eine Passion für klassisches Ballett entwickeln können. Nur, dass bei mir um die Ecke halt Jungs am Biken waren und ich das cool fand. Das wurde mir also präsentiert. Leider präsentieren viele Eltern ihren Töchtern nur Volleyball und Tanz und nichts, was mit im Schlamm Spielen zu tun hat.

Dann präsentier uns das Springen! Was ist das für ein Gefühl, mehrere Sekunden durch die Luft zu fliegen?
Ich sage mir immer: in dem Moment, in dem du in der Luft bist, kannst du dir eigentlich nicht wehtun. Später bei der Landung schon, aber in diesem Moment in der Luft bist du unantastbar. Du hebst ab – und niemand kann dir was. Um die Landung kümmert man sich später. Wenn du in der Luft bist, denkst du an gar nichts…du atmest nicht, es schneidet dir förmlich den Atem ab. Du bist konzentriert, siehst nicht was um dich rum passiert…das ist einfach das Beste am Biken! Außerdem ist es so leicht zu lernen. An kleinen Steinen kann man schon hüpfen, es müssen ja nicht gleich die riesigen Jumps sein.

Was braucht es, um die riesigen Jumps dann irgendwann springen zu können? Wie muss man sich den Weg dahin vorstellen?
Da muss man sehr, sehr progressiv vorgehen. Ich habe viele Freunde, die mit 17 oder 18 Jahren mit dem Biken angefangen haben und zu schnell waren. Sie wollten die großen Sprünge machen, ohne eine solide Basis entwickelt zu haben. Sie waren z.B. nicht oft genug gestürzt. Man muss auch das Stürzen lernen um zu wissen, was man auf keinen Fall machen darf, z. B. die Hände ausstrecken. Manche meiner Freunde kamen mit 17 in den Bikepark, haben sich sofort auf die großen Sprünge gewagt und sich dabei richtig wehgetan. Das blockiert sie dann später mental. Und alles nur, weil sie sich nicht genügend Zeit genommen haben. Der Roadgap in Lac Blanc z.B., ungefähr 4 Meter hoch: Ich habe ihn mir so oft angesehen und dabei gedacht, eines Tages werde ich da drüber fahren. Ich hätte auch sofort drüber gekonnt, aber ich habe wirklich lange gewartet, ich hab mich da nicht stressen lassen, bin ganz oft dran vorbei gefahren. Eines Tages bin ich einem Freund dann hinterhergefahren. Das ist technisch wirklich kein schwieriger Gap, wahrscheinlich hätte ich ihn schon ein Jahr früher fahren können. Aber wenn ich etwas Neues erreiche, will ich es mir verdient haben. Ich will es nicht falsch machen und dann von vorne anfangen müssen. Es gibt Leute, die sich an Sprünge ran wagen und wenn sie zwei Jahre später wiederkommen, trauen sie sich nicht mehr. Dabei muss alles, was du machst, aufeinander aufbauen.

 

Was würdest du Frauen sagen, die du im Bikepark triffst und die sich manche Sachen einfach nicht trauen?
Komm mit mir mit, lass uns zusammen fahren, haha! Nein im Ernst, Mountainbiken ist schwierig, egal ob es ein Mann oder eine Frau macht. Gerade beim Downhill setzt du dich ja wirklich Gefahren aus. Du musst dich langsam herantasten. Da geht es um die Frage, ob du es magst oder nicht. Und das weißt du sofort. Du weißt sofort, ob es dir gefällt, ein bisschen Angst zu haben. Wenn nicht, dann zwing dich nicht. Oft gibt es Mädchen, die nur ihrem Freund zuliebe dabei sind – das bringt überhaupt nichts. Dann lass es lieber. Das ist wie bei einem Sprung: wenn du davor stehst und dir nicht zu 100% sicher bist, dann tu es nicht. Das ist wirklich meine Philosophie. Viele halten mich für halsbrecherisch, aber das trifft überhaupt nicht zu. Ich gehe sehr sehr geringe Risiken ein.

Wenn du keine Risiken eingehst, hast du trotzdem manchmal Angst? Wie gehst du mit ihr um?
Ich habe Angst, ja. Aber ich nutze sie wie einen Verbündeten, der mir sagt, wo meine Grenzen sind. Die Angst sagt „Achtung, da wird es schwer – du kannst das, aber pass auf!“. In dem Moment, wo du die Angst verlierst wirst du zu selbstsicher und machst Fehler. Auf diese Weise habe ich mich am Sprunggelenk verletzt, das war auf einem Pumptrack, auf dem ich viel zu entspannt und damit auch zu schnell unterwegs war. Angst hilft dabei, aufmerksam zu bleiben und es ist wichtig, sich das zu behalten. Und dann ist das natürlich auch eine Frage der Persönlichkeit – manche setzten sich in den Kopf einen Backflip zu machen, stürmen los und brechen sich die Schulter. Das ist nicht mein Ding. Ich will auch mit 50 noch Biken können und nicht überall kaputt sein.

Bis dahin sind es ja noch einige Jahre. Was planst du für die Zukunft?
Im Großen und Ganzen will ich einfach täglich Mountainbikes zu tun haben, in der Bikebranche arbeiten. Vielleicht ja auch ein oder zwei Jahre in Whistler oder British Columbia? Wenn mir eine deutsche Firma ein Jobangebot macht, würde ich auch nicht nein sagen, ich würde wirklich gerne mal eine Zeit lang in Deutschland leben! Oft hat man ja einen Plan A, und letztendlich wird es der Plan L, M oder P, den man dann umsetzt. Hauptsache, ich kann auch in Zukunft täglich mit Fahrrädern zu tun haben. Das Schöne am Mountainbiken ist, dass egal wo du bist –  wenn du andere Mountainbiker triffst, bist du zu Hause. Und das ist einfach genial.

[Das Interview führte Hannah Röther für uns. Vielen Dank an dich und natürlich auch an Lea!]

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