Monatsfrau Dezember: Julie Ann Pedalino

Foto: Chris Thomas

Bei Julie Ann verbinden sich Kunst, handwerkliches Können und jede Menge Begeisterung fürs Radfahren zu einer Mischung der besonderen Art. Das Resultat sind Pedalino Bicylces – maßgeschneiderte Räder aller Art, die eines vereint: Sie möchten nicht nur funktionieren, sondern emotional berühren, involvieren, kommunizieren. Nicht geringer ist der Anspruch der amerikanischen Rahmenbauerin, die ihre Leidenschaft fürs Räder bauen erst auf Umwegen entdeckte. Angekommen wirkt sie in ihren Erzählungen – und dennoch weit entfernt vom Stillstand…

Wie bist du zum Mountainbiken gekommen?
So richtig habe ich mit dem Mountainbiken erst vor ein paar Jahren mit Freunden aus der Rad-Community in Kansas City begonnen – obwohl ich eigentlich schon immer ein Outdoor-Typ und schon eine ganze Weile neugierig aufs Biken war.
Vor einigen Jahren lebte ich in San Francisco und dachte mir, ich probier‘s einfach mal aus. Ich kaufte mir ein Hardtail (das natürlich nicht gepasst hat und zudem horrend-schwer war) und machte mich auf auf die Trails. Mein Abendteuer endete als urkomisches Disaster, bei dem ich mehr Zeit mit „Hike and Bike“ verbrachte, als mit Fahren. Dennoch: zwischen all dem Kampf lag auch ein winziges bisschen Spaß – und genau das blieb mir am stärksten in Erinnerung. So war der Samen bereits viele Jahr zuvor gelegt worden – es brauchte nur ein Weilchen, bis er keimte.

Was ist für dich das Schönste am Biken, das Besondere im Vergleich zu anderen Sportarten?
Mountainbike ermöglicht es mir, auf einzigartige Weise die Natur zu erkunden und zu erleben – das macht es so besonders für mich. Natürlich liebe ich es, es auf der Straße so richtig laufen zu lassen, aber der Verkehr (und all die Abgase) können einem dem Spaß schon verderben. Auf einem Bike-Trail fühlt sich alles einfach entspannter und erfrischender an. Ich bin keine Rennfahrerin, aber ich begleite meine Freunde sehr gern dorthin und unterstütze sie bei ihren Rennen. Auf diese Art habe ich ein einige wunderschöne Gegenden kennengelernt – Orte, an die ich sonst wohl nie gekommen wäre …

Was war dein schönstes Bike-Erlebnis? Und dein schlimmstes?
Die wunderbarsten Erlebnisse auf einem Mountainbike hatte ich zweifellos auf den Trails in Colorado. Es gibt eine überraschend große Anzahl an Top-Trails rund um Kansas City, aber sie sind alle ziemlich technisch, mit vielen großen Wurzeln und verblockten Passagen. Klar, auch die Trails in Colorado können anspruchsvoll sein, aber ich bin ganz verliebt in die traumhaften Flow-Trails, die sich Zick-Zack am Hang entlang ziehen – Wildblumen, wundervolle Ausblicke und einen Tick Geschwindigkeit.

Welches Bike fährst du (am liebsten)?
Mein aktuelles Bike ist ein hartgelötetes Pedalino 650B Hardtail, das ich aus True Temper Rohren aufgebaut habe. Ausgestattet ist es mit: Race Face Atlas Lenker (gekürzt, den 780mm ist viel zu breit für mich), Race Face Turbine Kurbeln, Kettenblatt (28t) und Tretlager, SRAM GX 10-fach mit einer 11-42 Kassette, Stan’s ZTR Crest Laufräder mit 2.1 Tubeless-Reifen, SRAM Guide RSC Scheibenbremsen (die rocken!), Loaded Precision Sattelstütze, Schraubgriffe von Yeti, Cane Creek Steuersatz 110 sowie einer Rock Shox 30 Gabel mit 100mm Federweg. Der Rahmen ist Metallic Blau pulverbeschichtet und ich habe versucht, so viele der Parts wie möglich ebenfalls in Blau zu bekommen.

Du hast Modedesign und Kunst studiert und viele Jahre als Künstler und Grafikdesigner gearbeitet. Doch nun hat sich das Konstruieren und Bauen von Rädern als deine wahre Leidenschaft entpuppt. Wie kam das?
Fahrräder zu bauen, das ist für mich die Verbindung all der Fähigkeiten, die ich in den letzten 15-20 Jahren entwickelt habe. Handwerkliches Können, Farbe, Form, Komposition und Neugier sind die Kernelemente all meiner Werke – und der einzige Unterschied zwischen einem Gemälde und einem Fahrrad ist, dass das Fahrrad an sich auch noch ein Gerät mit Sinn und Zweck ist. Das ermöglicht eine dynamische, persönliche Beziehung zwischen dem Betrachter, oder in diesem Fall vielmehr dem Fahrer, und dem Werk. Das ist eine Eigenschaft, die man mit einem Gemälde kaum erreicht, und ich glaube, das war das Schlüsselelement nach dem ich in all den anderen Medien, die ich in den letzten Jahren ausprobiert habe, immer gesucht hab.

Du sagt: “Für mich hat sich mit meinen Rädern der Kreis geschlossen“. Was genau meinst du damit?
Ich meine das tatsächlich ziemlich wörtlich. Ich habe Trikots und Klamotten für meine Marke entworfen. Das ist Mode – und Modedesign war mein Berufstraum als Teenager. Nachdem ich nach dem College von der Mode abgekommen war, bin ich jetzt wieder zurückgekehrt, wenn auch auf eine ziemlich unerwartete Art und Weise.

Vom Traum, Räder zu bauen, bis dahin, es dann auch tatsächlich zu tun – das klingt nach einem ziemlich großen Schritt. Wie bist du es angegangen und wie hast du diese Herausforderung gemeistert?
Es ist tatsächlich eine ziemliche Herausforderung, Rahmenbauer zu werden. Tatsache ist, dass man am Anfang in eine Werkstatt und die richtigen Werkzeuge zum Rahmenbauen investieren muss. Ich hatte extrem großes Glück, mit Vincent Rodriguez in seinem Bikeshop Velo+ starten zu können. Er hat mir nicht nur alles beigebracht, ich konnte auch sein ganzes Werkzeug und seine Werkstatt nutzen. Das war unglaublich großzügig und ich bin sehr dankbar für diese Chance. Ich bin mir nicht so sicher, ob ich sonst mehr als einen Rahmen gebaut hätte. Ich wäre wohl komplett überfordert davon gewesen, anfangs gleich eine vollständige Ausrüstung zusammenzustellen. Stattdessen bekam ich den Raum und die Zeit, auszuprobieren und zu lernen und mir parallel Stück für Stück in meinem eigenen machbaren Tempo alles aufzubauen.

Rahmen zu konstruieren und zu bauen – das klingt für mich eher nach einer Aufgabe für einen Ingenieur als für einen Künstler. Woher hast du das notwendige Wissen und Können?
Ja, das erfordert tatsächlich einiges an Ingenieurswissen. Ich bin sehr froh, ein wunderbares Netzwerk aus Rahmenbauern und Mentoren zu haben, die mir nicht nur dabei helfen, ein besseres Grundlagenverständnis aufzubauen, sondern mir auch mit wertvollem Rat zur Seite stehen, um solide Rahmen und Parts zu bauen. Es gibt zahlreiche und gut dokumentierte Erfahrungen mit maßgeschneiderten Rahmen, von denen wir zehren und lernen können. Die Infos sind alle da, du musst nur danach suchen und bereit sein, nachzuforschen.

[Fotos: Chris Thomas]

Was macht deine Räder heute besonders?
Meine Herangehensweise, wie ich ein Rahmendesign entwickle, sowie die ganzen individuellen Anpassungen, die darin einfließen. Mir ist es wichtig, die Persönlichkeit eines Kunden zu berücksichtigen, und oftmals basiert die Ästhetik eines Design auf dessen  Interessen und einzigartigen Charakterzügen. Ich möchte ein Rad liefern auf dem sich der Kunde nicht nur wohlfühlt, sondern in das er sich verlieben und mit dem er etwas über sich selbst zum Ausdruck bringen kann! Meine Fähigkeiten, dies zu vollbringen, haben sich mit meinem zunehmenden Können an der CNC-Maschine extrem verbessert. Ich kann nun fast jedem Part eines Rahmens einen persönlichen Touch verleihen, was wirklich mega aufregend ist!

Mit einer CNC-Maschine umgehen zu können – das wurde also eine Schlüsselqualifikation für dich?
Wenn mir jemand vor fünf Jahren gesagt hätte, ich wäre in der Lage, ein Teil zu entwerfen, zu programmieren und dann mit einer CNC-Fräsmaschine herzustellen, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Es ist immer wieder überraschend und erstaunlich, wohin uns der Weg führt, wenn wir nur offen sind. Zu lernen, wie man mit einer CNC-Maschine umgeht und damit zu arbeiten, hat für mich als Künstlerin, wie als Rahmenbauerin alles verändert und ich habe gerade mal die Oberfläche der Möglichkeiten angekratzt. Mit CNC kann ich fast jeden Aspekt eines Rahmens personalisieren. Zusätzlich zu Rundachsenbearbeitung meiner Bi-Laminat Halterungen kann ich jetzt meine eigenen Pedalino Ausfallenden für Rennradrahmen herstellen (mit austauschbaren Schaltaugen). Als nächstes auf der Liste stehen Ausfallenden mit Aufnahmen für Scheibenbremsen und Steckachsen. Ich finde es sehr aufregend, kontinuierlich Neues auszuprobieren und immer mehr in skulpturale und dreidimensionale Formen vorzustoßen.

Du bist spezialisiert auf Stahlrahmen. Wieso das?
Ich verwende Stahl aus einer Vielzahl an Gründen. Ganz vorne steht das butterweiche Straßengefühl eines Stahlrahmens! Zudem ist es als Material jederzeit verfügbar, es ist vergleichsweise leicht zu bearbeiten, auch mit Maschinen. Doch ich bin definitiv offen dafür, auch mit anderen Materialien, wie Titan oder Carbon, zu experimentieren.

Was kommt technologisch als nächstes?
Eine der aktuellen Diskussionen rund um meinen Shop dreht sich um 3D-Druck mit Verbundstoffen. Jetzt, wo ich Teile in CAD (also rechnergestützt) designen kann, ist es nicht mehr so ein riesengroßer Schritt zu Designs, die mit einem 3-D-Drucker hergestellt werden können. Diese Technologie ist super interessant und robust – sie ist sogar soweit, dass es realistisch ist, wirklich brauchbare Teile in 3D zu drucken. Bisher habe ich mich als Metallarbeiter gesehen, doch nachdem ich mich etwas damit beschäftigt habe, erscheint es mir absolut sinnvoll, auch mal mit Carbonfasern zu arbeiten. Carbon-Rahmen werden immer in einem Atemzug mit ihrem praktischen Nutzen genannt: Gewichtsvorteile, Aerodynamic, usw. Warum nicht einen maßgeschneiderten Carbon-Rahmen bauen, der all das mit sich bringt UND zudem noch schön ist?  Ich muss noch sehr viel ausprobieren bevor das Wirklichkeit wird, aber ich finde es spannend und sehe es in jedem Fall kommen.

Du designst nicht “nur” den Rahmen sondern auch sein Finish. Letztes klingt für mich nach der einfacheren Aufgabe, doch da liege ich wohl falsch …
Ich habe kürzlich erst damit angefangen, selbst Rahmen zu lackieren, aber es war schon immer Teil meines Plans, auch das Finish eines Rahmens in das übergreifende Designkonzept zu integrieren. Was ich nicht erwartet habe, ist, wie kompliziert es sein würde, dies dann auch tatsächlich in die Tat umzusetzen. Ich habe (bis heute) nicht den Platz in der Werkstatt für richtige Lackier- und Sandstrahl-Kabinen und es hat mich einiges an Zeit und Phantasie gekostet, eine Möglichkeit zu finden, mit der ich meine Kreativität auch in Hinsicht der Lackierung voll ausleben kann.

Momentan finde ich mich mit einer etwas ungewöhnlichen Lösung ab: Ich schicke den Rahmen erstmal raus, um ihn pulverbeschichten zu lassen. Damit habe ich die Vorbereitung ausgelagert (was meine Arbeitsaufwände verringert) und zugleich bekommt der Rahmen eine solide und sehr haltbare Basis für die Lackierung. Wenn das erfolgt ist, füge ich meine Grafiken und zusätzlichen Farben hinzu und fixiere das Ganze mit einem 2K Klarlack. Bislang habe ich erst ein paar Rahmen auf diese Weise fertiggestellt, aber die Ergebnisse sind sehr vielversprechend. Einer dieser Rahmen kam gerade erst beim „Dirty Kanza 200“ zum Einsatz – einem lokalen Ausdauerrennen auf Schotter mit durchgehend harten Belastungen für  Material (und Fahrer!). Der Rahmen hat  das ohne einen einzigen Lackschaden überstanden, was mich sehr freut. Haltbarkeit ist ein dickes Plus, aber das Beste daran ist, dass ich so jetzt meine ganze Kreativität nutzen und komplette Konzepte für den Rahmenbau umsetzen kann.

Wer sind deine Kunden? Gibt es eine(n) „typischen Pedalino Fahrer(in)“?
Nein, einen typischen Kunden gibt es noch nicht. Die einzige kleine Gemeinsamkeit ist, das sie zumeist aus der Region um Kansas City kommen. Meine Stückzahlen sind sehr gering und ich habe einfach noch nicht ausreichend viele Rahmen gebaut, sodass sich daraus schon ein klares Muster ergeben würde.

Wie sieht der Prozess aus, vom ersten Schritt eines neuen Kunden in deinen Laden bis hin zu dem Moment, wo er ihn mit seinem fertigen Rad wieder verlässt?
Jedes Projekt startet mit einem Gespräch, in dem ich die Grundlagen mit dem Kunden bespreche: Was für ein Rad sollen wir bauen? Was will er mit dem Rad erreichen? Was gefällt oder missfällt ihm an seinen bisherigen Rädern? Was will er unbedingt haben? Usw. Danach setze ich einen Termin mit dem Kunden fest, bei dem ich an Körpermaß nehme und den „Fitmaster“ auf die Geometrie einstelle, die ich für am besten halte. Sobald alles gut ausschaut, habe ich die Infos, die ich brauche, um das CAD-Design anzugehen. Die Herstellung dauert mindestens einen Monat, abhängig von der Komplexität des Rahmens und ob ich noch individuelle Teile erstellen muss oder nicht. Anschließend kommt die Farbgestaltung, was nochmal zwei bis vier Wochen einnimmt. Vom Anfang bis Ende dauert der Prozess also rund drei Monate.

Bekomme ich bei dir nur den Rahmen oder ein Komplettrad? Falls letzteres: Wie wählst du die Teile aus?
Ich verkaufe viel lieber Kompletträder! Das erlaubt es mir, das Design sehr spezifisch zu gestalten und so kann ich im Herstellungsprozess die Teile gleich ausprobieren und anpassen. Die Teile suche ich entsprechend des Kundenfeedbacks aus, basierend auf meinen Erfahrungen und Vorschlägen von Anbietern. Komponenten zusammenzustellen kann manchmal ziemlich komplex werden, aber es macht immer Spaß, nach Bike Parts zu schauen!

Ich stelle es mir richtig richtig teuer vor, mir ein Custom Bike bauen zu lassen. Habe ich recht?
Ein Custom-Rad ist sicherlich nicht der günstigste Weg. Bei mir geht es los bei 1.800$ für einen einfarbigen, simplen hartgelöteten Rahmen mit Standard-Teilen. Um das besser einordnen zu können: Bedenke, dass ich mindestens 50 Stunden an einem Basic-Rahmen arbeite und entsprechend mehr an einem mit ausgefeilten Verbindungsstücken!

Kannst du deinen Lebensunterhalt damit bestreiten?
Momentan bin ich ein “Teizeit-Rahmenbauer”. Es wäre ideal, wenn es ein Vollzeit-Job werden würde, und ich arbeite derzeit daran, herauszufinden, wie das funktionieren kann. Eigentlich es eher Kunst, die ich betreibe, als ein Business und daher greifen klassische Geschäftsmodelle bei mir nicht so richtig. Es ist nicht mein Ziel, so viele Bikes und Parts wie möglich herauszubringen, sondern mir vielmehr wirklich die Zeit zu nehmen, die notwendig ist, um ein Rad abzuliefern, das solide konstruiert, funktionell und einzigartig ist und das Potential hat, meine Kunden emotional zu berühren. Mit anderen Worten: Ich habe den Anspruch, interaktive Kunst zu erschaffen! Der Trick ist also, dieser Philosophie treu zu bleiben und gleichzeitig für mich (und hoffentlich auch für andere, wenn das Geschäft wächst), das Einkommen für ein erfülltes und zufriedenes Leben zu generieren.

Hattest du jemals das Gefühl, dass jemand dein Können in Frage stellt, aufgrund der Tatsache, dass du eine Frau bist?
Ich hatte bisher zum Glück nur ganz wenig negative Erfahrungen mit Diskriminierung oder Abwertung aufgrund meines Geschlechts. Ich schätze, da kommt vor allem davon, dass ich als Einzelunternehmerin gewöhnlich die meiste Zeit alleine arbeite. Wenn ich aber mal mit anderen Industrievertretern – zumeist im Umfeld von Messen – zu tun hatte, war jeder sehr nett und offenherzig. Allerdings habe ich Freunde und Bekannte in der Branche mit traditionelleren Jobs, die leider ganz andere Erfahrungen gemacht haben.

Was ist herausfordernder: Die Entwicklung eines Rennrads oder eines Mountainbikes?
Ein Rennrad ist definitiv unkomplizierter als ein Mountainbike, schlicht, weil man es mit weniger Variablen zu tun hat. So kann ich bei einem Rennrad zum Beispiel fast immer davon ausgehen, dass ausreichend Freiraum für 25-28mm Reifen vorhanden ist, oder auch von einem Standard-Kurbelsatz. Wenn ich dagegen einen MTB-Hinterbau konzipiere, brauche ich genaue und verlässliche Angaben zur Reifenbreite, Reifengröße, Kurbellänge und Achsbreite, Kettenblattgröße, hinterem Narbenstandard und zur Kettenlinie. Sobald ich all diese Variablen zusammen habe, erstelle ich ein detailliertes CAD-Design und starte den Balanceakt, alles perfekt aufeinander abzustimmen. Oftmals muss ich in einem zweiten Schritt nochmal die Biegung der Kettenstreben ändern und / oder mehr Raum für Kettenblätter oder Laufräder schaffen. Ich benutze eine Version meiner Zeichnungen in Originalgröße während der Produktion, um sicherzustellen, dass die Kettenstreben dort verlaufen, wo sie sollen, und wenn sie gegehrt und angebracht sind, mache ich eine „Trockenprobe“mit allen Parts als finalen Check. Es kann ein ziemlich frustrierender Prozess sein, gerade jetzt, wo der Trend zu fetten Reifen und Einfach-Antrieben geht.

Wieviel von dir selbst steckt in jedem deiner Räder?
Ich denke, es steckt einiges von mir in jedem Rahmen! Es würde mir schwerfallen, mich emotional und kreativ vom Bau eines Rahmens zu distanzieren. Vielmehr würde das meine Stimme als Künstler gänzlich zum Schweigen bringen und den Grund, warum ich überhaupt künstlerisch tätig bin, zunichtemachen. Dennoch betrachte ich das Rahmenbauen tatsächlich als gemeinschaftlichen Prozess. Es ist ein Gespräch zwischen dem Kunden und mir, und ohne den Input den Kunden und seine Ideen würde nie etwas Besonderes herauskommen. Meine anhaltende Leidenschaft fürs Rahmenbauen beruht zum großen Teil auf dieser Zusammenarbeit. Arbeite ich dagegen in meiner kleinen „Blase“, isoliert von der Welt um mich herum, verliere ich recht schnell das Interesse. Ich bin so dankbar dafür, dass es mir möglich ist, Kunst in Zusammenarbeit mit anderen zu erschaffen. Das ist wirklich eine erfüllende und bereichernde Erfahrung!

Denkst du, jemand, der das Radfahren selbst nicht liegt, könnte gute Räder bauen?
Es wäre sicherlich auf einer emotionalen Ebene schwierig, ein herausragendes Bike zu entwickeln, wenn der Entwickler selbst noch keine Leidenschaft und Wertschätzung für das Radfahren hätte. Ich denke, es wäre möglich, einen funktionell perfekten Rahmen „nach Anleitung“ zu bauen, aber ich bin mir nicht sicher, ob das Endprodukt das gewisse magische Etwas hätte, das den Unterschied macht zwischen Standard und spektakulär. Und, ganz abseits der immateriellen Werte, ich setze stark auf meine eigenen Feldtests, um mich zu verbessern und voranzukommen. Es wäre da doch ein ziemliches Handicap, wenn ein Rahmenbauer nicht auch selbst gerne Radfahren würde! Und ich frage mich: warum sollte man es dann überhaupt tun?

Hast du, unter allen Rädern, die du bereits gebaut hast, einen Favoriten?
Zweifellos, mein Lieblingswerk ist das 650c Rennrad, das ich für Doug Fattic während seines Rahmenbaukurses gebaut habe. Es ist mein Liebling, weil es sich einfach grandios fährt! Es ist super bissig, reaktionsschnell, schnell in den Kurven, UND es hat keinen Zehenüberstand. Erst jetzt ist mir klar geworden, dass da ein etwas kontrovers diskutiertes Thema ist, aber ich empfand das immer als ziemlich störend, mit dem Fuß am Vorderrad anzustoßen und während ich mich bei anderen Rädern einfach daran gewöhnt habe, merkte ich erst, wie es weg war, wie sehr mich das gestresst hat! Ich bin ein großer Verfechter proportionaler Laufradgrößen, gerade jetzt, wo ich live erlebe, welch großen Unterschied kleine Laufräder machen können, wenn es um das gesamte Fahrerlebnis geht. 650c Laufräder mögen technisch langsamer sein (oder auch nicht), aber es fühlt sich mit Sicherheit schneller an als ein 29‘‘-Bike, denn es ist komfortabler, deshalb einfacher zu händeln und so kann ich öfters die Bremsen aufmachen!

Hast du dir schon mal selbst ein Rad gebaut? Wie schwer oder einfach war das?
Die ersten paar Räder waren alle für mich – ich mein bestes Versuchskaninchen! Das einzig Schwierige war, die Größe richtig hinzubekommen. Aber, um ehrlich zu sein: In den Anfängen hab ich in so vielen Bereichen nur improvisiert, da war die richtige Größe nicht entscheidend. Es ging mehr darum, Übung und Selbstvertrauen als Hersteller zu bekommen.

Welches Rad würdest du gerne noch bauen?
Das ist die beste Frage von allen! In meinen Träumen tanzen viele spannende Ideen herum. Was ich wohl als Erstes umsetzen werde, sind zwei zueinander passende 24”-Fatbikes für meine Mutter und mich, in Katzendesign. Buchstäblich vom ersten Tag als Rahmenbauerin habe ich meiner Mutter ein Fatbike versprochen! Und natürlich brauche ich dann auch eines, sie schauen einfach nach jeder Menge Spaß aus!
Ich würde mir auch so gerne ein 650B Cycle-Cross-Rahmen-Set bauen. Einige Reifenhersteller bringen jetzt endlich 27,5‘‘-Cross-Mäntel raus, die sogar den UCI-Richtlinien hinsichtlich der maximalen Reifenbreite entsprechen. Auf schmale 27,5‘‘-Reifen bin ich schon eine Weile scharf, und ich kann es kaum erwarten, ein Vollblut-Crossrad in meinem Fuhrpark zu haben.
Carbon habe ich ja vorher schon mal erwähnt. Ich hab some „really wild 3D printed lug designs“ als Idee im Kopf, und ich hoffe, dass ich auch diese in die Realität umsetzen kann.

Welchen Rat möchtest du anderen Bikerinnen zum Schluss noch mit auf den Weg geben?
Mach dir den Kopf frei, fahr dein eigenes Tempo und macht dir keine Gedanken darüber, ob du es “richtig” machst. Und – vielleicht am wichtigsten – fahre mit Leuten, die dich ermutigen und dich unterstützen! Ich habe nach meinen ersten Versuchen fast mit dem Biken aufgehört, weil mich ein paar meiner Mitfahrer in damals für mich viel zu schweres Gelände gedrängt haben und sich dann auch noch darüber aufregten, dass ich zu langsam fuhr und stürzte.  Diese Touren waren stressig und emotional und sie hinterließen bei mit den Eindruck, dass ich einfach nicht das Zeug zum Mountainbiken hatte. Zum Glück blieb ich dabei – in meinem eigenen langsamen Tempo, wohlgemerkt – und habe es schließlich lieben gelernt. Natürlich bin ich nach wie vor kein „Pro“ und es gibt nach wie vor zahlreiche Trail-Passagen, bei denen mir das Herz stehen bleibt wenn ich davor stehe. Aber für mich ist das ok, wenn ich diesen Baumstamm oder jenes Steinfeld heute lieber nicht angehen möchte und lieber bis morgen, übermorgen oder wann auch immer ich dafür bereit bin warte.

Liebe Julie Ann – vielen herzlichen Dank für diese unglaublich interessante Interview!

PS: Das Interview haben Julie Ann und ich natürlich auf Englisch geführt – und die Übersetzung hat mich definitiv an meine Grenzen geführt mit all den tecnischen Details. Wer Lust hat, das Interview in seiner Originalversion zu lesen, kann sich diese hier herunterladen. Und wenn ihr an der ein oder anderen Stelle eine bessere Übersetzung im Kopf habt, seid entweder gnädig mit mir oder teilt sie mir gerne mit. Man lernt nie aus 🙂

 

 

 

 

 

 

 

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