Monatsfrau Januar: Debora de Napoli

13. Januar 2015 | Jule | Persönlichkeiten | Monatsfrauen,

121003_life_cycle_24-3Nachdem Debora mehrere enge Familienmitglieder an eine besonders tückische Form von Krebs verloren hatte und auch noch befürchten musste, selbst den tödlichen Gendefekt in sich zu tragen, wurde ihr klar: Sie muss ein Statement setzen – gegen die Krankheit, für das Leben. Die begeisterte Mountainbikerin entschied sich für eine Solo-Bikereise quer durch die kanadischen Rockys, bei der sie durch physische wie durch psychische Hoch und Tiefs ging und an deren Ende nicht nur ein sportlicher Erfolg stand, sondern vor allem die Überwindung ihrer Trauer. Ihr äußerst emotionaler Film über die Reise, mit dem die Kanadierin durch die Lande tourt, gewann zahlreiche Preise und bildete den Startpunkt für ihren öffentlichen Kampf gegen die noch eher unbekannte Krebsform – und für ihr Projekt „Life Cycle“, mit dem sie andere Amateur-Sportlerinnen unterstützt, ihre persönlichen „Lebens-Reisen“ zu verwirklichen.

Debora, wie bist du zum Mountainbiken gekommen?
Am Anfang war es einfach nur der Lieblingssport meines damaligen Partners. Wenn ich wirklich Zeit mit ihm verbringen wollte, musste ich also Mountainbiken erlernen.

Was ist für dich das Schönste am Biken, das Besondere im Vergleich zu anderen Sportarten?
Mountainbiken hat sich – für mich – verändert von etwas, das ich getan habe, um aktiv zu sein, hin zu einer Leidenschaft. Raus in die Natur zu gehen, mich selbst anzutreiben, zu schwitzen, Komfortzonen zu durchbrechen und im Leben voran zu kommen – das sind nur ein paar der Dinge, die ich am Biken liebe. Den Flow zu spüren während das Bike unter mir arbeitet und ich es auf einem unglaublichen Trail navigiere, technische Herausforderungen und Erfolge – alles ist genauso, wie es sein sollte. Es ist ein wunderbarer Sport.

Was war dein schönstes Bike-Erlebnis? Und dein schlimmestes?
So lange ich mich erinnern kann, wollte ich immer einen bestimmten Trail Namens “Keystone Basin“ fahren. Beim ersten Versuch war er weit jenseits meiner Fähigkeiten; zu ausgesetzt, zu technisch herausfordernd und mir war klar: Ich benötigte eine bessere Trailtechnik. Als ich ihn dann das erste Mal gefahren bin, war das die berauschendste Erfahrung meines Lebens. Singeltrails soweit das Auge reicht, Bergblumen, Gletscher, Wasserfälle, Seen – das vergesse ich nie.
Mein schlimmster Moment war, wie mein geliebtes Bike, das ich mit dem Namen “Lucy” getauft hatte, bei einem Sturz in zwei Teile zerbrochen ist. Ich war am Boden zerstört.

 

Beschreib uns doch mal dein Projekt “Life Cycle”:
Ich musste “Life Cycle” vollenden, um mir zu beweisen, dass ich immer noch am Leben bin und dass ich damit klar kommen würde, egal wie das Ergebnis des Krebsscreenings ausfallen würde. Ich musste raus aus meiner Komfortzone und etwas Größeres tun – das ist alles, was ich habe.

Wie ist die Idee mit der Reise entstanden?
Ich bin sprichwörtlich von einem Traum erwacht. Ich wollte schon immer in die kanadischen Rockies zum Biken und eines Tages hat sich dann einfach alles zusammengefügt. Wenn ich etwas Außergewöhnliches tun und das als Doku filmen würde, dann könnte das eine Möglichkeit sein, die öffentliche Aufmerksamkeit auf Eierstock-Krebs zu lenken. UND ich könnte zugleich meinen verrückten Traum, durch die Rockies zu biken ausleben 🙂

Warum gerade mit dem Bike?
Mountainbiken war schon immer ein Weg für mich, meinen Kopf aus und dafür das Herz einzuschalten. Wenn ich bike bin ich 100% präsent und die Herausforderungen – physisch wie technisch – haben mich schon immer angesprochen. Ich habe einfach eine Leidenschaft für den Sport.

Was genau war deine Message, was wolltest du transportieren?
Am Anfang war es eben, die Öffentlichkeit auf diese spezielle Krebsart aufmerksam zu machen. Aber dann wurde mir bewusst, dass durch all die Höhen und Tiefen die mir das Leben während der Vorbereitung in den Weg gestellt hat und dann auch durch die 14-tägige Reise selbst, eine neue Erkenntnis in mir gereift ist:  Wenn du offen bleibst auf deiner Reise gegenüber allem was kommt, wenn du die Erwartungen vor der Tür lässt, dann bekommst du etwas größeres als du dir je hättest vorstellen können zurück. Für mich war es schlicht das Leben, das ich zurückbekam.

“Life Cycle” wirkt sehr professionell und hat sicherlich eine Menge Unterstützung benötigt. Wie konntest du Partner, Sponsoren oder Spender gewinnen?
Ich glaube, das Universum spielte in der Hinsicht eine Rolle, als dass sich alles irgendwie zusammen tut und zusammenhilft, um einen Traum zu verwirklichen, der aus der Tiefe deines Herzens kommt und auf etwas wirklich Gutes zielt, eine größere Botschaft. Nachdem ich angefangen hatte, den Leuten von meinem Vorhaben zu erzählen, flossen Unterstützung und Hilfsbereitschaft einfach nur so. Alles, inklusive der Produktionsgesellschaft, der Crew, bis hin zur Post-Produktion war durch Spenden finanziert. Menschen und Organisationen sind in ihrem Herzen sehr großzügig, dafür bin ich wirklich sehr dankbar.

Wie hast du dich auf die Reise vorbereitet? Was hat es gebraucht, damit aus dem Traum Realität wurde?
Gut 4 Monate vor der Abreise kam alles so richtig ins Rollen. Ich fing mit dem Aufbau meiner Grundlage an und tauchte dann völlig in ein Ausdauer-CrossCountry-Programm ein – aber der sportliche Teil war eigentlich der einfachste. Die Logistik war da ein ganz anderes Kaliber. Ich musste die Essensversorgung, die Route, ein Notfallprogramm, die Film-Crew …. organisieren. Dabei kam der Tag, an dem ich hierfür professionelle Unterstützung von einem lokalen Guiding-Anbieter anfragen musste – und glücklicher Weise dann auch bekam. Wie das Flugzeug in Calgary gelandet ist und ich zu meinem Startpunkt gefahren wurde, wurde mir klar, dass es das jetzt ist und es ab jetzt kein Zurück mehr gibt.

Was waren die größten Herausforderungen im Rahmen des Projektes?
Nachdem der eigentliche Trip vorbei war, war das die Frage: wie daraus jetzt einen Film und eine schöne, berührende Story machen? Es wurde mir klar, dass ich- wenn ich die geplante Wirkung erzielen wollte – meine Verletzlichkeit, meine Menschlichkeit und meine Geschichte mit den Menschen teilen musste. Das war eigentlich das Furchteinflößendste für mich überhaupt. Es musste authentisch sein.

 

Du warst 14 Tage unterwegs. Wie hart war das, durch welche Strapazen musstest du durch – körperlich wie emotional?
Ich bin definitive durch Myriaden von Hochs und Tiefs gegangen – physisch, aber auch emotional. Ich hatte heftige Wutausbrüche und totale Freak-Outs – besonders dann, wenn es am Gipfel eines Berges so aussah, als wäre die Abfahrt zu schwer für mich. Aber mit all den Steinen die ich erfolgreich aus dem Weg geräumt habe, kam ein neues Urvertrauen, dass mich eine Kraft schützt.
Am stärksten ging es mir nah, wie ich mich am allerletzten Tag, kurz vor meinem letzten Berg und in der Anfahrt nach Banff, direkt am Lake Louise wiederfand und feststellen musste, dass das genau der Ort war, wo meine Mutter und ich unsere letzten gemeinsamen Tage verbracht hatten bevor sie gestorben ist. Das war sehr emotional und ich obwohl ich stolz war, überhaupt so weit gekommen zu sein, wusste ich zugleich auch „ich bin nicht allein“. Ich war mit meinem Trauerprozess am Ende angekommen. Am nächsten Tag startete ich mit Tränen der Dankbarkeit in meinen Augen. Was eine unglaubliche Erfahrung.

Wie hast du die Route für den Trip zusammengestellt?
Zwei Faktoren spielten dabei eine Rolle. Erstens: Würde es gelingen, die ausgesuchten Orte zu verbinden? Und zweitens: Ich hatte von ein paar epischen Trails gelesen und die wollte ich gerne integrieren: Seven Summits in Rossland, BC, Keystone Basin in Revelstoke, BC, und Jumping Pound / Cox Hill in Kananaskis, AB (siehe auch: http://www.singletracks.com/mountain-bike/imba-epics.php)

Warst du ganz alleine unterwegs? Und falls nein, wer war mit dir unterwegs und wie wichtig war ihre Gesellschaft für dich und die Reise?
Die meiste Zeit war ich nicht wirklich alleine – ich teilte die Trails und Unterkünfte mit Weggefährten mit denen ich Tag für Tag startete, aber dazwischen musste ich diese Reise alleine machen. Diese Menschen wurden für mich in diesem Tagen wie eine Familie und auch wenn ich meine wahren Gedanken und Gefühle nicht mit ihnen geteilt habe, waren die Gespräche am Abend mit ihnen extrem wichtig für mich  – und wenn sie noch so simple waren. Wir alle sind dafür gemacht, zu einer Gemeinschaft zu gehören, nicht dafür, alleine zu sein – und ich denke, ich war in dieser Hinsicht gut aufgehoben.
Die letzten 3 Tage gesellte sich mein Kameramann zu mir und wir beendeten die Reise gemeinsam. Es ging ihm darum, die Herausforderungen, die physischen und psychischen Tiefs, aber auch die Aufregung und die Freude des Erfolgs festzuhalten. Wir waren Freunde vom Yoga und ich wusste, dass ich in seiner Gegenwart „echt“ sein konnte ohne dafür bewertet zu werden. Das war mir sehr wichtig.

Wie ging es dir am Ziel deiner Reise – reine Freude oder gab‘s da auch Traurigkeit oder ein Gefühl der Leere, jetzt wo du alles erreicht hattest und es vorüber war?
Eine Weile konnte ich es gar nicht begreifen. All die Planung, das Training, die Aufregung – und dann war es vorbei. Keine großen Fanfaren. Ich kam einfach vom letzten Berg herunter und rollte zum Flughafen und zum Flieger heim. Ich fühlte Traurigkeit – so in der Art „Was soll ich jetzt mit meinem Leben anfangen?“ Aber ich hatte ja einen Film auf den ich mich konzentrieren musste, von daher konnte ich nicht zu lange deprimiert sein.

Wie hat “Life Cycle” jetzt aus dem Rückblick dein Leben verändert?
Ich hab jeden um Hilfe gebeten, den ich kannte. Jeder, der an dem Projekt mitgewirkt hat, ist ein Freund oder der Freund eines Freundes. Ich werde für immer dankbar sein für die Freundlichkeit und Großzügigkeit anderer.

Dein Film wurde prämiert, Was meinst du, woher kommt sein Erfolg und warum berührt er die Menschen so sehr?
Ich denke, es ist eine ungeschönte und authentische Geschichte. Sie kombiniert die Leidenschaft fürs Abenteuer, Mountainbiken, Freiheit und den Aufstieg aus der Asche. Ich denke, es ist eine „Heldengeschichte“ mit der sich jeder irgendwie identifizieren kann.

Du tourst über Filmfestivals und erzählst dort deine, doch sehr private Geschichte. Macht es für dich einen Unterschied, ob du den Menschen dabei direkt gegenüber stehst, anstatt dich hinter einer Kamera zu „verstecken“?
Absolut. Es fällt mir schwer, über so Persönliches zu sprechen und es ist nicht nur Teil eines persönlichen Wachstums- und Fortschritt-Prozesses, sondern hat auch eine Riesenwirkung auf die Menschen, die die Geschichte hören. Jeder zieht etwas anderes für sich aus dem Film bzw. dem Vortrag, aber alle werden auf irgendeine Weise inspiriert. Nach jeder Vorstellung werde ich überflutet mit Emails voller Anteilnahme oder ähnlichen „Auferstehungs-Geschichten“ – oder wie meine Geschichte sie dazu gebracht hat, mit ihren eigenen voranzugehen. Es ist wichtig für uns Menschen, uns mit anderen zu verbinden und sich auszutauschen ist eine Form, um sich zu verbinden.

Aus dem Projekt hat sich die Organisation “Life Cycle” entwickelt. Kannst du uns ein wenig mehr darüber erzählen?
Life Cycle unterstützt andere Amateur-Sportlerinnen dabei, an Bord ihrer lebensverändernden Reise zu gehen. Im Gegenzug werden die Gewinne, die durch diese Projekte erzielt werden für Ovcare (die Forschungsgesellschaft für Eierstockkrebs) gespendet.

Verrate uns: Worum wird es in deinem nächsten Film gehen?
Ich arbeite derzeit an einer Web-Serie mit dem Titel “Where are the Women? in adventure film.“ Nach einem der Auswahlverfahren kam eine etwa Ende 40 jährige Frau auf mich zu, die von meiner Geschichte inspiriert wurde und nun selbst 300km durch die Wüste zwischen Furita, Colorado, und Maob, Utha laufen möchte, auf dem legendären „Kokopelli Trail“. Das ist eigentlich ein berühmt-berüchtigter Mountainbike-Trail – und diese Frau, die in einem Post Office arbeitet, trainiert nun, um ihn zu joggen. Das filme ich im September als Teil der Serie.
Die nächste Episode begleitet dann eine andere Hobbysportlerin, ebenfalls in ihren späten 40igern und zweifache Mutter, dabei, ihren Traum, das „BC Bike Race“, ein episches 7-Tages-Bike-Singletrail-Rennen in British Columbia, zu verwirklichen.

Zum Schluss noch: Welchen Rat möchtest du anderen Bikerin nen mit auf den Weg geben?
Ich ermutige Frauen aller Könnensstufen raus zu gehen und ihre Leidenschaften auszuleben. Mach Kurse, investiere in ein Bike, wird Teil einer Bikegruppe und unterstütze und ermutige andere Fahrerinnen da draußen. Und höre niemals auf, deine Grenzen zu verschieben.

Deboras Film könnt ihr anschauen unter: https://vimeo.com/76366539 / Passwort: mountain

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