Monatsfrau April: Heiderose Bossert

07. April 2015 | Jule | Persönlichkeiten | Monatsfrauen,

Nordseetour 2„Mich hat einfach ihre Herzensgüte berührt“ erzählt Guide Anna, die unsere neue Monatsfrau auf ihrer ersten Alpencross-Tour kennengelernt hat. Die Rede ist von Heiderose Bossert: Während die 64jährige den Altersschnitt der geführten Tour doch ordentlich in die Höhe trieb, tat sie das Gleiche mit dem Spaßfaktor in der Truppe. Dabei sitzt die lebenslustige noch gar nicht so lange auf dem Bike.  Doch sie hat Feuer gefangen und sich gleich mit beeindruckender Leidenschaft mitten rein in die mehrtägigen Bike-Abenteuer gewagt … und zudem noch viele weitere (Bike-)Träume: „Wenn ich nicht mehr träume, dann bin ich alt und das hat noch vieeel Zeit.“

Heidi, wie bist du zum Mountainbiken gekommen?
Die Liebe zum Mountain Bike wurde durch meinen Sohn geweckt. Eigentlich mehr aus der Not heraus, denn er hatte sich das Kreuzband gerissen und sollte nun sehr viel Sport treiben. Begonnen hat dies dann mit Joggen, meine Angst, dass er im Wald wieder einen Unfall haben könnte, bewog mich dann, einfach mit zu laufen. Irgendwann hatten wir dann die Idee, jetzt könnte man doch mal zur Abwechslung aufs Rad. Eine damalige Arbeitskollegin war in dieser Zeit dann auch Antrieb für mich, ein wenig mehr zu radeln. Im Fahrradverein gab es dann einige Ausfahrten, mehrmalige Trainingslager am Gardasee, gefolgt von Trainingslager in Rimini. Inzwischen gesellte sich dann die Freundin meines Sohnes zu uns. Nun ging die Freude am Mountain-Bike so richtig los. Wir beide haben uns nun sehr oft getroffen und sind fast täglich nach der Arbeit im Wald umhergeradelt. An den Wochenenden unternahmen wir miteinander größere Touren.

Was ist für dich das Schönste am Biken, das Besondere im Vergleich zu anderen Sportarten?
Beim Biken fühle ich mich frei wie ein Vogel weil ich die Landschaft genießen kann. Außerdem gefällt mir der Aktionsradius, der eben anders als beim Joggen weitaus größer ist. Ich liebe es, wenn mir der Wind um die Nase weht, ich immer neue Strecken entdecken kann und viele schöne Begegnungen habe, denn das Rad verbindet. Es gibt immer ein Thema über das man sich auch wildfremden Menschen unterhalten kann.<br />Ein weiterer wichtiger und gleichzeitig schöner Aspekt für mich – im Sommer kann ich das Auto weitgehend in der Garage lassen, denn obwohl ich in einer sehr hügeligen Landschaft wohne, kann ich viele Wege mit MTB und Rucksack bewältigen – sehr Umwelt bewusst, oder?

Was war dein schönstes Bike-Erlebnis? Und dein schlimmstes?
Seit frühester Jugend habe ich mir ein Fahrrad gewünscht und dieser Wunsch wurde erst mit ~ 45 Jahren erfüllt – mein erstes Mountain Bike.
Mit der Fahrt von Garmisch nach Riva erfüllte sich für mich ein großer Traum, denn ich hatte ja schon ein wenig Muffe ob ich dies in meinem „hohen Alter“ schaffen kann. Die Ankunft am Gardasee war wohl mein schönstes Erlebnis im Leben – es war einfach herrlich dort zu sitzen, stolz zu sein und zu wissen ich hab’s geschafft.
Dann folgte leider im letzten Jahr ein schlimmer Einbruch: Sturz vom Fahrrad auf ebener Straße vor ein Auto. Die Folge: Trümmerbruch des linken Handgelenks, Operation – Gips mit Platte im Handgelenk und 8 Schrauben. Nach der OP habe ich im ersten Affekt versprochen: “ich schmeiß mein Fahrrad auf den Müll und gehe nur noch zu Fuß.“ Dies konnte ich nun doch nicht halten, denn ewig lockt das Rad. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und sehr vorsichtigen Versuchen, wieder auf das Rad zu sitzen, habe ich nun doch schon wieder ein Ziel für dieses Jahr (sehr zum Leidwesen meiner Familie) – noch einmal den Alpencross.

(Fotos: privat)

Du bist inzwischen zur „Spezialistin“ für Langstrecken-Touren geworden und z.B. von Kirchberg an die Nordsee geradelt. Erzähl mal, wie das kam und wie genau das ablief:
Also, während unserer Trainingstouren erzählten wir uns natürlich sehr viel – unter anderem auch die Träume zum Radeln. Dabei entstand die Idee, die schon seit meiner frühesten Jugend in meinem Kopf spuckte: Wir fahren mit dem Rad von Kirchberg an die Nordsee. Gesagt, getan, die Planung wurde immer konkreter, wir trainierten, planten und führten unseren dann unseren Plan aus. Besondere Freude hat uns in dieser Zeit unser Fahrradtreff am frühen Morgen beschert – Abfahrt 5.30 Uhr. Es war herrlich die Natur erwachen zu sehen und vor allem vollkommen wach bei der Arbeit anzukommen. So luden wir unser Gepäck in den Rucksack und die MTB’s wurden aufgerüstet mit Lenkertasche und Gepäckständer an der Sattelstütze. <br />Dann ging’s los: Abfahrt bei strömendem Regen, der erste Tag total verregnet und kalt. Am zweiten Tag beim Frühstück glücklicherweise kein Regen, jedoch gegen Mittag wieder Nieselregen. Es wurde auch am 3. Tag nicht viel besser, doch unsere Laune blieb immer gut und wir hatten viel Spaß und an suchten uns an jedem Abend ein tolles Hotel zum Entspannen mit gutem Essen und Trinken. Unsere Ankunft wurde bei den Eltern meiner Mitfahrerin gefeiert, denn auch mein Mann war inzwischen mit dem Wohnmobil angereist – die Freude war riesengroß.

Trotz deines „fortgeschrittenen Alters“ von stolzen 64 Jahren hast du dich – du hast es vorhin bereits kurz erwähnt – auch schon mal an die Herausforderung „Transalp“ gewagt. Hast du selbst es auch als große Herausforderung empfunden oder war das für dich die normalste Sache der Welt?
Es war für mich schon eine große Herausforderung und ein wenig Angst hatte ich schon im Hinterkopf ob ich dies bewältigen kann.

Was hat dich am meisten daran gereizt?
Da ich eine Bergziege bin und sehr gerne Höhenmeter fahre, allerdings die Abfahrten nicht so gerne habe, war für mich der Alpencross einfach noch die Steigerung.

Warum hast dich dabei für eine organisierte und geführte Tour entschieden?
Alleine hätte ich mir diese Strecke nicht zugetraut und vor allem die Streckenführung, die ich zum Alpencross bei dem Veranstalter gelesen habe fand ich einfach perfekt, was sich natürlich dann auch als gut erwiesen hat.

Hattest du Bekannte dabei oder bist ganz alleine mitgefahren?
Meine damalige Trainingspartnerin ist mit nach Garmisch gefahren, hat allerdings die etwas schwierigere Tour gewählt, so haben wir uns am Anfang und am Ende der Tour gesehen.

Warst du die Älteste in der Gruppe? Falls ja, wie war das für dich? Hast du dich als „Exotin“ gefühlt?
Ich war die Älteste in der Gruppe, was allerdings von Anfang an überhaupt kein Problem darstellte, denn wir waren eine tolle Truppe, die sich gesucht und gefunden hat. Einfach prima.

Wie waren die Reaktionen deiner Mitfahrer?
Das Alter stellte kein Problem dar, ich war nicht der Hemmschuh der Truppe, und die beiden sehr viel jüngeren Mädels haben mich ein wenig als Mama gesehen, hat viel Spaß gemacht.

Du hast es kurz schon angesprochen: Wie gehst du mit den fahrtechnischen Herausforderungen beim Biken um? Ist das ein (Angst-)Thema für dich?
Ich glaube, ich kann mein Können und meine Leistungsfähigkeit recht gut einschätzen und bin deshalb jemand, der, wenn es ganz schwierig wird, lieber auch mal absteigt ehe es Probleme gibt. Ich denke das ist halt das Alter.

Und weil es so gut lief auf der Transalp, bist du gleich nochmal auf Tour gegangen. Diesmal war es ein Schwarzwald-Cross, richtig …?
Genau, dort hab ich die Truppe erst bei der Abfahrt kennen gelernt. Ich war mit 3 jungen Männern unterwegs (wieder die Oma), die sehr gerne nur Trails fahren wollten und der Guide hat sich dann wohl verpflichtet gefühlt, ihnen dies zu bieten.&nbsp; Vor der Abfahrt hatte ich mich mehrmals beim Veranstalter vergewissert, dass die Strecke keine Trails beinhaltet – war nicht so. Deshalb hatte ich dann jede Nacht Alpträume und nach der Rückkehr habe ich laut Aussage meines Mannes im Traum immer gerufen „nein, da fahre ich nicht“. Dies hatte und hat immer noch Nachwirkungen, ich fahre nicht mehr gerne sehr schwierige Strecken.

Welches Bike fährst du (am liebsten)?
Scott Contessa ist mir auf den Leib geschneidert, die Daten sind für mich unwichtig, denn ich habe einen guten Fahrradladen, der mein Radl wartet, mich vor jeder Reise betreut und mir gute Ratschläge für meine Ausrüstung gibt.
Für den Alpencross leihe ich mir ein Rad bei ULP-Tours und bin damit wunderbar gefahren, auch ohne Klick-Pedale habe ich die Alpentour bewältigt.

Wie hältst du dich fit, um das alles zu meistern? Hast du ein spezielles Trainingsprogramm?
Mein Trainingsprogramm im Winter:

  • Täglich 1 Stunde schnell gehen
  • Täglich 30 Min. auf dem Hometrainer</li><li>Fitness-Studio 2 – 3x pro Woche (nur im Winter)

Mein Trainingsprogramm, sobald es das Wetter einigermaßen zulässt:

  • Bei Saisonbeginn versuche ich, jeden Tag mind. 1 Stunde Ausdauer fahren
  • Sonntags gibts die die Bäckerrunde (3km 500Hm, Brötchenkauf und dann Frühstück
  • Danach steigere ich die Höhenmeter langsam, um die Kondition zu erhalten (es gibt im Umfeld von mir viele, viele Berge)
  • Meine Lieblingsstrecken gehen möglichst bergauf (mein Spitzname ist „Bergziege“). Am liebsten fahre ich alleine, dann kann ich meine Fahrten der jeweiligen Tagesform anpassen.

Und wie gehst du dann so eine große Tour im speziellen an? Bereitest du dich darauf besonders vor – physisch, mental?
Einfach mit viel Freude, Disziplin und Neugier

Wohin soll dich das Bike noch tragen? Was sind deine weiteren Träume, Pläne, Ziele?
Ich hab noch einen weiteren Traum – den Jakobsweg von Bilbao nach La Corunia …

Was sagt deine Familie dazu? Bewundern sie deinen Bewegungsdrang oder …?
Natürlich sind sie geteilter Meinung, bis jetzt hatte ich immer Glück, denn mein Mann, der überhaupt nicht radelt, lässt mit jede Freiheit und unterstützt mich immer, wenn ich dann mal wieder einen meiner Pläne in die Tat umsetze, dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Erzähl noch kurz: was machst du, wenn du nicht gerade auf dem Bike sitzt?
Es gelingt nicht immer, mein Trainingsprogramm einzuhalten, denn es gibt aber natürlich auch noch ein Leben neben Fahrrad: Ich bin technischer Redakteur und zuständig für Betriebsanleitungen, TÜV-Prüfungen im In- und Ausland. Das kann manchmal sehr arbeitsintensiv und stressig sein, dann muss das Rad in der Garage bleiben.

Seit ich nicht mehr hauptberuflich tätig bin, kann ich endlich meinem 2. Wunsch nachgeben – die Frauenakademie, die mir sehr viel Spaß bereitet und Exkursionen zu interessanten Themen und Orten führt, zuletzt mit dem TGV für 5 Tage nach Paris – einfach toll meinen Wissensdurst stillen und das Hirn jung halten.

Außerdem ist Reisen mit unserem Wohnmobil Leben für mich, denn dies führt uns zu vielen interessanten Orten und Menschen Europa, Kanada Südafrika usw.

Dann gibt es noch einen großen Garten, der mich während der Nicht-Reisezeit auf Trapp hält, da ich was dies anbelangt die Perfektionistin bin, dies gerne.

Wenn ich mal eine Verschnaufpause brauche, liebe ich Bücher über das Mittelalter, Gedichte, bei Kerzenschein und guter Musik. Zu guter Letzt habe ich noch eine Mutter (86 Jahre).

Irgendwann werden wir, so hoffe ich in meine 2. Heimat – Cornwall – reisen, vielleicht länger dort bleiben. Oder wir wandern an die französische Atlantikküste aus, dort kaufen wir uns ein Häuschen mit großem Garten und wir pflanzen Pfirsiche, züchten Gänse, ich male und verkaufe dann meine Produkte auf dem Markt.

Man darf ja Träume haben – auch wenn sie, wie mein Mann behauptet – manchmal ein wenig „spinnet“ sind. Macht nichts, wenn ich nicht mehr träume, dann bin ich alt und das hat noch vieeel Zeit.

Welchen Rat möchtest du anderen Bikerinnen zum Schluss noch mit auf den Weg geben?
Ich würde sagen, man sollte sich immer ein Ziel setzen, jedoch zwischen Freude, Disziplin und allzu großem Ehrgeiz die Balance finden.<br />Immer mit Spaß Radeln, jedoch vor allem keine Selbstüberschätzung walten lassen und vor allem das Fahrrad immer gut behandeln und ordentlich pflegen.

Und ganz zum Schluss noch: Wie gefällt dir GIRLSRIDETOO.DE <i>(ganz ehrlich, gerne auch konstruktive Kritik ;-))
Ich bin im Internet am Stöbern gewesen fand es dann doch sehr interessant, kurzweilig und bin einfach länger hängen geblieben als ich dachte – ist doch toll für GIRLSRIDETOO.DE

Dank dir für das schöne Interview, liebe Heidi!

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