Monatsfrauen-Update: Antje Bornhak

08. März 2018 | Jule | Persönlichkeiten | Monatsfrauen,

Vorwort

Der Wahnsinn: Unsere „Monatsfrauen-Interviews“ gibt es nun mehr seit unglaublichen 10 Jahren! Gut 100 mega-interessante, gänzlich unterschiedliche Frauen aus der Bikebranche haben wir seitdem interviewed und gebannt ihren Geschichten gelauscht.

Leider sind seit dem Umstieg auf die jetzige technische Plattform in 2016 viel zu viele davon nicht mehr öffentlich zugänglich. Wie extrem schade das ist, wurde mir erst so richtig bewusst, als ich viele viele viele davon auf dem „1. European Women’s Outdoor Summit„ Ende 2018 getroffen habe – einige davon zum allerersten Mal.

In den Gesprächen hat sich herausgestellt, dass (natürlich) auch bei ihnen die Zeit nicht stehen geblieben ist und sich  oftmals (aber auch nicht immer) zwischenzeitlich enorm viel verändert hat. Das brachte mich auf eine Idee, deren Umsetzung ich mit diesem ersten „Update“-Beitrag nun starte: Wir veröffentlichen von den „Summit-Monatsfrauen“ einfach nochmal das alte Interview – und ergänzen es um ein Update aus der heutigen Sicht rund um die Fragen: „Was hat sich zwischenzeitlich verändert?“ und „Wo stehst du heute?“.


 

Acht Jahre sind seit dem ersten Interview mit Antje vergangen. Und während die bisherigen Updates sich hauptsächlich um Wandel und Veränderung drehten, steht dieses im Zeichen der „Stabilität“. Denn Antje sagt ganz klar: „Ich stehe noch heute hinter dem, was ich damals schrieb. Das hat nach wie vor seine Gültigkeit.“
Ich jedoch musste beim Lesen meiner damaligen Fragen lachen und feststellen, dass sich bei mir inzwischen doch einiges verändert  hat – und deutlich näher an Antjes Einstellung zum Thema „Mann – Frau, Sportler – Sportlerin“ herangerückt ist. Wie sehr habe ich 2011 versucht, sie in eine bestimmte Richtung zu drängen und wie konsequent hat sie sich im Interview dagegen gewehrt – was ich  damals eher unbequem und stachelig, heute aber ganz wunderbar finde: sehr reflektiert und tiefgründig …
Natürlich hat sich auch bei ihr das Rad des Lebens weitergedreht und ihre Liebe zu Norwegen hat sie in neue, wirklich megaspannende Projekte geführt, über die sie uns im Update ebensfalls mehr erzählt. Aber lest selbst ….

PS: Das Update findet ihr diesmal ganz unten.

PSPS: Ich finde die Fragen, die Antje aufwirft, höchst interessant und fände es superspannend zu hören, was ihr darüber denkt. Also: Scheut euch nicht, unsere Kommentarfunktion zum Glühen zu bringen und teilt eure Gedanken und Meinungen mit uns!

 

Dezember 2011

[Foto: privat]

Antje – das ist geballte Kraft voraus, ein ganzes Bündel voller Energie, das sie selbst als Sportlerin vorantreibt, zugleich aber auch motiviert, die Entwicklung des Mountainbikesports mit voran zu treiben – sei es als Leistungssportlerin der ersten Stunde, als eine der beiden ersten Frauen im DAV-Lehrteam, als Funktionärin oder aber schlicht auf Abenteuertour durch Norwegen. Dabei macht sie sich nicht nur stark für Gleichberechtigung, sondern blendet die Geschlechterfrage bei ihren Aktivitäten sogar einfach weitgehend aus. Ihr geht es um die Menschen, den Sport, die Natur – nicht um Klischees oder Rollenfragen. So zeigte sie sich gänzlich resistent gegen all meine Versuche, das Interview ein wenig in diese Richtung „zu schubsen“ – was ihr Portrait meiner Meinung nach nur umso spannender macht.

Antje, wie bist du zum Mountainbiken gekommen?
Für mich war das Fahrrad einfach immer ein Verkehrsmittel, um möglichst schnell und v.a. günstig von einem Ort zum einem anderen zu gelangen. Und als ich während des Studiums im Sommer auf der Falkenhütte gearbeitet habe, lieh mir an meinem ersten freien Tag mein Kollege sein Bike und ich bin nach Mittenwald zum Eis Essen gefahren. Der Rückweg war so lang, daß ich genug Zeit hatte, darüber nachzudenken, daß ein Teil meines Verdienstes in ein Bike gehen mußte!

Was ist für dich das Schönste am Biken, das Besondere im Vergleich zu anderen Sportarten?
Ich bin gerne draußen in der Natur, ich erarbeite mir gern etwas und ich mache mich gern dreckig. Von daher paßt das Bike mit den vielen Fasetten ganz gut: Technik und Taktik neben Kraft, Ausdauer und Kondition. Außerdem empfinde ich die Geschwindigkeit beim Biken als etwas besonderes: Oben am Berg noch Abendsonne genießen und kurze Zeit später wieder unten zu sein. Oder wenn ich mehrere Tage oder Wochen unterwegs bin, lege ich nicht nur Kilometer zurück, sondern erlebe dabei eben so viele verschiedene Naturszenerien und Kulturen und ich habe das Gefühl, ich bin dort auch wirklich gewesen.

Was war dein schönstes Bike-Erlebnis? Und dein schlimmstes?
Ich glaube, ich habe sehr viel Schönes erlebt. Aber die „Rangordnung“ verschiebt sich mit der Zeit. Sicher war es schön, WM und WC-Rennen zu gewinnen, aber das ist lange her. Dieses Jahr war es sicherlich, als wir beim Offroadfinnmark nach 620 km und 84 Stunden gegen ein Uhr nachts nach all dem Dauerregen Sonnenunter- und aufgang erleben durften und zwei junge Norweger uns mit Kaffee in der absoluten Wildniss versorgt haben. Eines meiner schlimmeren Erlebnisse war sicher mein Unfall, der mich sehr lange Zeit im Krankenhaus verweilen ließ. (=2011)

Du bist echt ein sportliches Energiebündel und ich weiß gar nicht, wo anfangen mit dem Fragen. Lass uns doch mal mit dem Lehrteam-Thema starten – das finde ich nämlich besonders spannend, weil Frauen hier ja (leider) immer noch „Mangelware“ sind. Du warst die erste Frau im DAV-MTB-Lehrteam und bist heute sogar Koordinatorin des Teams. Wie bist du zum „Lehren“ gekommen?
Ich war nicht die erste Frau, denn wir waren damals zu zweit. Und ich bin mir eigentlich sehr sicher, daß ich als Person und Frau ins Lehrteam gekommen bin und nicht, weil ich eine Frau bin! Das ist für mich ein großer Unterschied, denn ich sehe mich nicht darin, eine Quote zu erfüllen, sondern mich mit meiner Sichtweise einbringen zu können. Zum „Lehren“ sowie zum Guiden, egal ob auf Bike oder Langlaufski bin ich dadurch gekommen, daß ich mir meinen Lebensunterhalb neben Studium und Hochleistungssport verdienen mußte. Es war also einfach praktisch. Erst bei meiner Arbeit habe ich gemerkt, daß ich dabei wohl auch Inhalte recht gut vermitteln kann. Aber das solltest Du lieber meine Kunden fragen!

Wofür genau ist das Lehrteam zuständig und was sind deine Aufgaben jetzt dort?
Das DAV-Lehrteam ist für die Ausbildung von Fachübungsleitern für alle DAV-Sektionen zuständig: Wir bilden quasi MTB-Guides aus und natürlich auch weiter. Die komplette Ausbildung ist von uns selber konzipiert worden; also was uns wichtig ist, was ein Guide alles können sollte. Dabei können wir unabhängig von den Fachsportverbänden arbeiten und uns ganz auf nachhaltige Arbeit mit Bikegruppen in den Bergen konzentrieren. Meine Aufgabe als Koordinatorin besteht eben darin, alle Teamer und alle Kurse zeitlich, räumlich und bis zu einem gewissen Grade auch inhaltlich zu koordinieren, was zum einen eben den administrativen Teil bedeutet, zum anderen aber auch Ansprechpartnerin für die Hauptgeschäftsstelle zu sein. Wir haben innerhalb des Teams eine sehr flache Hierachie: bei mir laufen einfach die Fäden zusammen. Ich sehe meine Aufgabe aber auch darin, Anstöße zu geben, die Ausbildung weiterzuentwickeln und ihr die weitere Richtung zu geben. Zur Zeit liegt mein Engagement darin, mich um Qualitätssicherung und Außenwirkung zu kümmern.

Hattest du dabei als Frau besondere Hürden zu überwinden oder herrschte hier von Anfang an „Gleichberechtigung“?
Gleichberechtigung gehört für mich zum Selbstverständniss in unserer kulturellen Zivilisation. Es war nie ein Thema für mich und ich habe wohl auch meiner Umwelt zu verstehen gegeben, daß ich in meiner Umgebung Schubkastendenken und Vorurteile nicht akzepiere. Jeder in unserem Team ist Mitglied aufgrund seiner fachlichen und menschlichen Kompetenzen und zum Glück sind Menschen ja so wunderbar verschieden!

Und wie schaut das im Alltag aus? Haben die männlichen Guides manchmal ein Problem damit, wenn plötzlich eine (starke) Frau als Ausbilder vor ihnen steht? Oder freuen sich die meisten doch eher?
Vielleicht mag es Probleme geben, glaube ich aber nicht! Und wenn, dann sind es nicht meine, denn ich habe kein Lust, Klischees zu bedienen! Ich muß niemandem meine Kompetenz beweisen. Und wenn es zwischenmenschliche Probleme gibt, reduziere ich sie nicht auf geschlechterspezifisches Rollenverständnis, sondern versuche die Situation zu analysieren und im Kontext zu verstehen

Warum, denkst du, gibt es dort (wie übrigens auch bei der DIMB, die parallel ebenfalls eine MTB-Guide-Ausbildung anbietet) bisher so wenig Frauen?
Tja, das ist eine schwierige Frage, die sicher nicht generell zu beantworten ist und ja auch in vielen anderen Berufsgruppen zu beobachten ist! Ich möchte diese Frage gern Gesells- und Sozialwissenschaftlern überlassen und mich derweil um die Stärkung des Selbstvertrauens meiner Teilnehmer sowie der Reflexion ihres Handelns kümmern! Aber abgesehen davon: Bei uns werden es immer mehr Frauen. Auf Ausbilderseite sind wir drei und wir hatten sogar schon Lehrgänge, wo sie bei den Teilnehmern in der Überzahl waren!!!

Du hast erzählt, dass du inzwischen nicht mehr die einzige Frau im Lehrteam bist. Siehst du hier schon eine echte Trendwende oder ist das eher ein schleichender Prozess?
Wie gesagt; wir waren zu zweit am Anfang, dann hat uns eine verlassen, eine andere ist gekommen und jetzt noch eine. Aber ganz ehrlich: ich mache mir da nicht so den Kopf drüber. Ob Trendwende oder schleichender Prozeß: ich freue mich, wenn Frauen mit Selbstverständniss Führungskompetenz leben und auf’s Rad steigen, wenn Sie Lust haben!

Was müsste sich ändern, damit es noch mehr werden?
Wahrscheinlich braucht es einfach Zeit. Beschleunigen könnte man den gesamten Prozeß der Emanzipation vielleicht, wenn jegliche Art von Werbung verboten werden würde. Da wird sowohl dem Konsumenten als auch der Konsumentin auf sehr perfide Art und Weise Klischeedenken, Rollenverhalten und Zugehörigkeitsempfinden instruiert

Spielt das Geschlecht in dieser Hinsicht in deinen Augen überhaupt eine Rolle, also bringen Frauen z.B. andere Aspekte in die Gestaltung der Ausbildung hinein, oder ist das für dich eher irrelevant?
Ich kann wirklich schwer beurteilen, warum wann wer was wie macht oder denkt. Ich kann nur Stellung dazu nehmen, was ich einbringe: Und mir geht es nicht um die Vermittlung von Wissensstoff, sondern um die Förderung von Kompetenzen und Sensibilisierung gegenüber der Umwelt inclusive unserer sozialen Umwelt.

Wenn andere Bikerinnen jetzt Lust bekommen haben: Was muss man können und tun um selbst ins Lehrteam zu kommen, und gibt es Charaktereigenschaften die du als besonders wichtig empfindest?
Wir als verbandsinternes Lehrteam sind ein kleines Team, was zum einen harmonisch, aber auch konstruktiv miteinander arbeiten möchte, zum anderen aber gemeinsam etwas für die Zukunft der Mountainbiker in den Bergen schaffen will. Es gibt weder einen Kriterienkatolog der „Hard skills“ noch der „soft skills“ noch eine „Stellenausschreibung“. Wenn wir jemanden kennen, bei dem wir uns vorstellen könnten, daß er sowohl der Ausbildung als auch uns gut tun könnte, laden wir zur Hospitation, d.h. einem gegenseitigem Kennenlernen ein und schauen dann, wir es weitergehen könnte. Und ich finde es sehr schön, in so einem offenen System, was sich dadurch immer wieder erneuert und erhält, eine Zeit verbringen zu dürfen!

Seit einigen Jahren arbeitest du auch an der Zusatzqualifikation „Erlebnispädagogik im Handlungsfeld MTB“ mit. Was genau können wir uns darunter vorstellen?
Das ist eine spezielle Ausbildung, die sich an pädagogisch arbeitende Menschen richtet. Erlebnispädagogik ist ein sehr weites Feld und fachsportliche Kompetenzen sind unerlässlich für die Professionalität einer pädagogischen Maßnahme. Und Erlebnispädagogik funktioniert nicht nach dem Prinzip „Wenn…, dann…!“ Und das ist das Spannende daran und verlangt große Offenheit.

Sind die Mädchen genauso schnell fürs Biken zu begeistern wie die Jungs? Falls nein, warum ist das so – was denkst du?
Was mir auffällt, ist, daß sowohl Mädchen als auch Jungen gut zum Biken zu begeistern sind, Es braucht aber kindgerechter Methodik. Und Kinder übernehmen sehr früh Leistungsdenken und Rollenverhalten aus dem Elternhaus. Meines Erachtens müßte man eher da, also in der Erziehung ansetzen, wenn man etwas verändern will.

[Foto: privat]

Noch mal zurück zu dir: Auch du kommst ursprünglich aus dem Rennsport, hast mit dem Orientierungslaufen angefangen und bist dann nach einer Verletzung beim MTB-O (Mountainbike Orienteering) gelandet. Erzähl doch noch mal kurz, was MTB-O eigentlich ist:
Beim MTB-O bekommst Du am Start eine sehr detaillierte Karte mit eingezeichneten Punkten, die du der Reihe nach anfahren mußt. Die Route, die du wählst, bleibt dir überlassen. Du kannst also entscheiden, ob du lieber die vielen kleinen Trails fährst, du den Weg über den Hügel nimmst oder die Forststraße mit Umweg außen herum besser für dich ist. Du mußt eben nicht nur gut orientieren, sondern deine Stärken und Schwächen einschätzen können und situativ die beste und v.a. schnell eine Entscheidung treffen. Das alles hat viel mit Wahrnehmung, aber auch mit Erfahrung zu tun.

Was hat dich an dieser, leider noch viel zu unbekanntem Disziplin, am meisten begeistert?
Eben, diese schnellen Entscheidungen in Bruchteilen von Sekunden in Kombination mit den gesamten konditionellen Fähigkeiten, die man beim Biken braucht. Und das es wohl nie das perfekte Rennen gibt!

Und wie kam es dann, dass du – trotz deines Erfolgs – damit (weitgehend ;-)) aufgehört hast?
Ich habe ja nur aufgehört, den Großteil meiner Zeit damit zu verbringen, ein paar Sekunden schneller zu werden und mein gesamtes Geld in Startgelder zu investieren. Und außerdem muß man rechtzeitig, solange man es noch bemerkt, der Verbissenheit des Seniorensports entfliehen.

[Foto: privat]

Du hast dem MTB-O-Sport aber nicht ganz den Rücken zugekehrt, sondern bist dort jetzt noch als Funktionär(in) aktiv. Was können wir uns darunter vorstellen?
Eine Zeit lang habe ich mich um die Trainingsplanung einiger Athleten gekümmert. Außerdem arbeite ich in der IOF, dem Weltorientierungsverband, in der MTB-Kommission und als Event Adviser, sozusagen als technische Delegierte. Da geht es um Qualitätssicherung und Evaluierungen im Allgemeinen (z.B. Wettkampfformate) sowie im Speziellen, also bei Großveranstaltungen.

Was machst du im Winter: Bike einmotten oder dick einpacken und raus?
Im Winter kümmere ich mich sportlich gesehen um meine muskulären Dysbalancen, die beim Biken unweigerlich bei hohen Umfängen auftreten: also geht’s ab auf die Langlaufski, meine zweite, aber eher saubere Leidenschaft!

So wie sich das anhört ist der Sport nicht nur Hobby, sondern Beruf für dich – oder hast du noch einen „normalen“ Bürojob?
Ich finde, ich habe genug mit meiner Arbeit zu tun und finanziell komme ich über die Runden. Aber da mich noch so vieles interessiert, studiere ich gerade wieder zur Abwechslung im naturwissenschaftlichen Bereich

Eine letzte Frage noch zu einem aufregenden Thema: Du hast da was vom einem Abenteuer namens „Offroadfinnmark“ erwähnt? Erzähl uns mehr!
Das ist ein 700km Nonstop-Rennen mit dem Bike durch die Finnmark, dem nördlichsten Teil Norwegens. Wir waren als Frauenteam dabei, allerdings nicht, um uns in einem Rennen mit anderen zu messen, sondern um die geniale Erfahrung von Natur und Körperlichkeit an der Grenze erleben zu können. So etwas kann ich jedem nur empfehlen, denn die Grenzen sind woanders, als wir sie vermuten!!!

Welchen Rat möchtest du anderen Bikerinnen noch mit auf den Weg geben?
Setzt euch einfach nur auf’s Rad und probiert alles aus und haltet dabei die Augen offen! Schraubt alleine euer Rad auseinander und wieder zusammen – das gibt Selbstvertrauen!

Wie gefällt dir GIRLSRIDETOO.DE (ganz ehrlich ;-))?
Auf eurer Seite gibts sicher ne Menge Information, die animiert, vieles auszuprobieren und somit der einen oder anderen hilft, die eigenen Grenzen auszuloten, bzw. zu verschieben. Trotzdem und ganz ehrlich vertrete ich aber die Auffassung, mehr auf seine eigene intrinsische Motivation zu vertrauen. Außerdem macht es mich manchmal auch traurig, zu realisieren, daß es wohl etwas Frauenspezifisches braucht: Es hat wohl was mit Abgrenzung zu tun oder ist vielleicht auch eine Reaktion darauf… Außerdem fände ich es ein wesentliches und notwendiges Signal, wenn Frauen Frauen sind und ihrer „Mädchenrolle“ sowohl verbal als auch visuell im Laufe ihres Erwachsenenlebens entschlüpfen!

 


März 2018

Antje: „Ja, das habe ich mal geschrieben! Mein Leben ist seitdem nicht stillgestanden und so hat sich natürlich das eine oder andere verändert. Aber hinter den Aussagen, die ich im Winter 2011/12 geschrieben hatte, stehe ich noch immer.

Anknüpfend an das damalige Interview geht mir allerdings eine Frage immer wieder durch den Kopf: „Wie können wir (Frauen) diese ständige Reproduktion der Genderfrage endgültig unterbrechen?“ Sobald nämlich das „Frauenthema“ aufkommt, fühle ich mich in einem Riesendilemma. In meiner Lebenswirklichkeit hat es für mich kaum eine Bedeutung, aber ich sehe sehr wohl diese vielen Punkte latenter Teilung unserer Gesellschaft. Und hier schaltet sich mein Gerechtigkeitsdenken ein und sagt: „TU WAS!“
Hier liegt aber das Dilemma: tue ich was, reproduziere ich die Thematik – eben gerade, weil ich eine Frau bin. Tue ich nichts, habe ich die Befürchtung, mir werde vorgeworfen, patriarchische Strukturen übernommen oder mir diese sogar zu nutze gemacht zu haben, und mich bequem in dieser Welt eingerichtet zu haben. So nach dem Motto: „Mir geht’s ja gut!“
Von daher wäre mir am liebsten, wir würden schon jetzt genderneutral leben können. Ich möchte auch nicht als Vorbild dienen, denn ich bin ich. Ich habe keinen Anspruch auf „Das mache ich richtig“ oder „Das mache ich gut“. Ich wünschte mir, jeder und jede trifft immer seine/ihre eigenen Entscheidungen. Und noch wichtiger wäre mir, man schaltet den Kopf zum Denken ein und überlegt, wägt ab, hinterfragt sich und/oder eine bestehende Meinung. Kaum etwas ist für mich unerträglicher als ein Handeln in Gedankenlosigkeit oder etwas Nicht-Hinterfragtes einfach „aus Tradition“ zu übernehmen.

Außerdem denke ich, daß unser Genderthema in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und daß jetzt die Zeit des Handels begonnen hat. Und hier müssen eben alle etwas tun. Frauen und Männer, Mütter und Väter. Ich meine, mit der Solidarität der Männer könnten wir ein stückweit das Dilemma hinter uns lassen. Konkret fände ich es gut, wenn Männer für Gendergerechtigkeit das Wort ergreifen würden, denn es ist in ihren Köpfen natürlich auch angekommen. Und es gibt so viele kluge und sensible Männer. Auf der anderen Seite erwarte ich aber auch von (uns) Frauen auf die eine oder andere lieb gewonnene Annehmlichkeit traditionellem Rollenverhaltens verzichten zu können und selber und v.a. ganz selbstverständlich mal Hand anzulegen. Wahrscheinlich erreichen wir die so dringend notwendige Transformation der Gesellschaft damit eher.

Apropos Transformation der Gesellschaft: das ist so das Thema, was bei mir in den letzten Jahren dazugekommen ist. Ich finde es so bedauerlich und es macht mich so wütend, daß wir alle von einer besseren Welt träumen, aber so wenig bereit sind, selber wirklich was zu tun. Und dabei merken wir nicht mal, wie privilegiert wir in unserer westlichen Welt sind. Dabei sind wir diejenigen, die auf Kosten anderer leben. Mich schockiert, daß wir mit durchgetretenem Gaspedal über Klimabewußtsein oder Entschleunigung reden und mit dem Finger Richtung Asien zeigen, um unser Gewissen zu beruhigen. Oder nur deprimiert über unseren Frust über Klima, Umwelt, Mitmenschen, etc. sinnieren.
Ja, ich bin auch manchmal äußerst frustriert. Am meisten, wenn mangelndes Kollektivverhalten unserer Spezies wieder einmal voll zuschlägt. Was mir dann hilft, ist entweder draußen austoben oder meinem Humor wiederzufinden: Habt ihr schon einmal eine Ameise gesehen, die im Angesicht des unaufgeräumten Waldbodens eine Depression erleidet?“

Wirklich Auftanken geht bei mir aber anders: Hier brauche ich Zeit und Ruhe, Einsamkeit und Stille, Weite und Natur. Das alles habe ich im hohen Norden gefunden und so ist mir Nordnorwegen fast schon zu meiner zweiten Heimat geworden. Immer wieder bereise ich dieses äußerste Ende Europas mit dem Rad und habe mittlerweile ein/zwei berufliche Projekte: Das eine betrifft Naturgefahrenforschung und hier speziell das Risiko durch Lawinen mit dem sich die Gesellschaft auseinandersetzen muss. Im Zuge des Klimawandels und der überdurchschnittlichen Erwärmung der Arktis verändern sich Wetterlagen und damit Niederschlagsmuster. Und das führt zu einer veränderten Gefahrensituation. Diese Klimaanalysen und Lawinensimulationen sind einfach megaspannend! Und das Projekt auf Stjernøya, einer Insel im Nordmeer ist beste Kopf- und Rechenarbeit und damit ein perfekter Ausgleich zum turbulenten MTB-Dasein.

Und dann gibt es da noch ein zweites Projekt, woher auch diese wundervollen Fotos stammen. Hier geht es um nachhaltigen Mountainbiketourismus in einer Region, die bisher fast nur den Tourenskifahrern bekannt war, der Region um den Lyngenfjord. Die Gegend ist hat so ein mächtiges Potential mit ihren Bergen, die direkt aus dem Fjord wachsen. Aber durch ihre geographische Lage nördlich des Polarkreises ist sie auch so verwundbar und einmal entstandene Schäden lassen sich nicht wieder rückgängig machen. Deshalb ist es ganz besonders wichtig, hier sensible Konzepte zu initiieren, um das Gleichgewicht von Mensch in der Natur zu wahren. Denn die ist schließlich unsere Ressource! Hier habe ich die Funktion der Verbindung von mitteleuropäischer Bikeszene zu norwegischen „Friluftsliv“, also der norwegischen Art des Outdoorlebens. Und diese ist schon recht verschieden von unserem Anspruchsdenken. Die Natur ist einfach wesentlich rauher da oben und man ist einfach viel mehr auf sich alleine gestellt. Das ist ja das, was mich so anzieht: das Planen und die Touren ohne diese vielen, bei uns üblichen Backups von Hütte, Shuttle, Bergwacht, etc… Und dieses Lebensgefühl des „Nicht-in Watte-gepackt-werdens“ anderen zugänglich machen, reizt mich schon. Von daher zeigen diese Schönwetter-Fotos hier nur einen Teil der Wirklichkeit. Aber welche Region will schon mit Regenwetter Werbung machen…?

[Fotos: Anna Riebelova, RiEBELova, Location: Nordnorwegen, Lyngenfjord]

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