Manchmal darf´s auch ein bissal mehr sein – Ina´s Karwendelmarsch

05. September 2016 | Ina | Reisen, Camps und Touren | Rennberichte,

Wenn sich um 5:30 Uhr 2.500 Trailläufer und Trailmarschierer sich in Scharnitz treffen, dann ist Karwendelmarschzeit! Zur Wahl standen zwei Strecken: Scharnitz bis in die Eng mit 35 km und 1600 hm oder weiter bis nach Peritsau am Achensee mit 52km und 2280 hm. Kaiserwetter jenseits der 30 Gard sind angekündigt. Ich war „eigentlich“ für die 35 km Strecke gemeldet – hach ja, eigentlich!

Bereits am Freitag mache ich mich auf nach Scharnitz, um meine Startunterlagen zu holen. Mit dabei ist Freundin Anne, die krankheitsbedingt ihren Startplatz an meinen Freund weiter gibt. Anne kommt jedoch mitsamt ihrem Freund als Fahrdienst, kühler Kopf sowie Organisatorin um den Marsch mit.

Schnell sind die Startunterlagen abgeholt, Anne´s Platz umgeschrieben und auch ich habe meinen Platz abgeholt und umgeschrieben. Ja genau, richtig. Umgeschrieben. „Eigentlich“ habe ich mich auf die 35km 1600hm bis in die Eng vorbereitet. Durch ein tolles Mädelstreffen für den Karwendelmarsch in München melde ich jedoch spontan um und

Kurz vor dem Start

Kurz vor dem Start

kann somit entscheiden, ob ich in der Eng finishe oder weiter bis nach Pertisau laufen möchte. Julia habe ich auf diesem Treffen kennen gelernt und wir entscheiden ganz spontan, dass wir einfach zu dritt an den Start gehen könnten.

 

Es wird pünktlich um 6 Uhr morgens in zwei Startblöcken gestartet: Zuerst werden die hufenscharrenden Karwendelläufer auf die Strecke geschickt. Anschließend setzt sich die Marschklasse in Bewegung.

Unser Plan ist recht simpel: Solide bis zum Karwendelhaus kommen, zügig bergab, ordentlich über die nächsten zwei Anstiege und zum cut off um 14.30 Uhr in der Eng (nach 35 km und 1600h) ankommen. Der Rest ist danach erstmal offen – Julia hat auf jeden Fall Pertisau als Ziel, wobei ich erstmal glücklich wäre als „Nichtläuferin“ in der Eng gut anzukommen.

Wir starteIMG_1433[1]n und wurstln uns durch die Masse. Denn bis zum ersten Anstieg beim Karwendelhaus möchten wir die Kilometer möglichst joggend zurück legen. Ich gehe nach der Mountainbike-Renn-Strategie vor: „Achtung rechts – danke. Achtung links – danke“!

Gut gelaunt auf den ersten Kilometern

Gut gelaunt auf den ersten Kilometern

Ich räume so den Weg für uns drei etwas frei. Nach den ersten Kilometern lichtet sich das Feld erstmalig und uns empfängt das Isartal in einer wunderschönen Atmosphäre. Der Nebel berührt noch den Boden während die Sonne bereits die ersten Bergspitzen golden anleuchtet. Wir müssen ganz kurz ein Foto machen und ich muss aufpassen nicht vor lauter Staunen hinzufallen!

Kurze Zeit später erreichen wir bei Kilometer 9,6 die erste Verpflegungsstation. Gut gelaunte Tiroler empfangen uns mit Obst, Getränken und frischem Kräutertee mit Kräutern aus dem Karwendel. Kurze Pause und weiter geht’s. Julia und ich schnattern vor uns hin während wir Kilometer für Kilometer zurück legen und Franz hält immer schön Schritt.

Auf dem Weg zum Karwendelhaus (KM 18,2) kommt mir das erste Mal, dass mir Kilometer in den Beinen fehlen. Bevor jedoch die kleinen Laktatmonster aufkommen, erreichen wir den Sattel und legen eine ordentliche Pause ein. Wir essen ordentlich und leeren einige Becher an Flüssigkeit.

Ich fülle meine Trinkflaschen auf und schon machen wir uns wieder auf den Weg zur nächsten Station. Es geht begab zum kleinen Ahornboden. Meine Beine freuen sich über einen flotten Lauf bergab und ich räume wieder den Weg frei. Schnell sind wir alle zum kleinen Ahornboden (KM 24,2) geflitzt. Auch hier trinken und essen wir etwas kleines und fangen an unsere Köpfe zu kühlen. Die Sonne fängt ohne Erbarmen an vom Himmel zu brennen! Eiskaltes Wasser in die Kappe und über den Kopf gezogen – fantastisch!

Welch Aussicht!

Welch Aussicht!

Es geht weiter Richtung Falkenhütte. Hier brennt die Sonne so sehr vom Himmel, dass es mich total ausbremst. Franz läuft geduldig einige Schritte vor mir und Julia fliegt den Berg nur so hinauf. Und dann treffe ich sie, die Laktatmonster! Gerade als sie sich mit negativen Gedanken breit machen wollen, erreichen wir die Falkenhütte (KM 30,2) und ich seh schon Julia fröhlich in meine Richtung strahlen. Hach da sind die Monster gleich weg! Der Abstieg von der Falkenhütte Richtung Eng führt uns an einer atemberaubenden Steinwand entlang – im Schatten. Herrlich, endlich können wir nach Stunden in der prallen Sonne etwas runter kühlen. Zügig-solide machen wir auch hier die Kilometer und kommen in die Eng (KM35). Hier stand also meine Entscheidung an: Aufhören oder weiter machen. Ich überlege mir den ganzen Abstieg im Laufschritt, was ich tun soll – ich hatte so schwere Beine auf die Falkenhütte…..reicht die Kraft…..ich bin noch nie soweit gelaufen……es geht nochmal aufwärts……aber irgendwie fühl ich mich langsam besser. In der Eng kommt Anne und Sven um die Ecke und bringen mir eine Cola – die Kombination aus Cola und Koffein-Gel weckt jegliche Lebensgeister! Abgesehen davon hatte ich mit Anne vereinbart mich weiter auf die Strecke zu schicken, außer ich hätte nen Hitzeschlag. Aber das muss Anne nicht mal tun – gut gelaunt verkünde ich, dass ich weiter mache und Julia auch ihr eigenes Tempo gehen könne. Mein einziges Ziel sei es nun in Pertisau anzukommen. Wider jeglicher Erwartungen macht Julia mit mir weiter und ich freu mich wie Bolle. Franz setzt die Hitze immer mehr zu, aber an aufhören ist hier auch nicht zu denken. So trotten wir zu dritt auf den letzten Anstieg Richtung Gramaisattel.

An der Binsalm (KM 38,3) gibt es das erste Salzgetränk und eine kalte Dusche für mich! Die Wirte hatten einen Gartenschlauch aufgestellt und jeder Teilnehmer freut sich wohl über diese Abkühlung. Wir befinden uns am letzten Anstieg. Der eigentlich gar nicht so schlimm aus sieht. Ja genau, eigentlich. Da war dieses Wort wieder. Kurz hinter der Binsalm eröffnet sich der Anstieg auf den höchsten Punkt der Tour. Enge Serpentinen und pralle Sonne – juhu. Wie die Esel stapfen wir tapfer den Trail nach oben. Oben auf dem Gramaisattel reißen wir die Arme hoch und jubeln! 2280 Höheneter wären geschafft, jetzt fehlen „eigentlich“ nur noch 14 km ins Ziel! Die Bergwacht lacht gut gelaunt mit uns und feuert uns für den weiteren Weg an. An der nächsten Verpflegungsstation, dem Gramai Hochleger (KM 41,5), wartet eine Abkühlungsstation. Gut gelaunt (und auch ziemlich gut gebaute) Burschen warten nur darauf unsere Köpfe mit kalten Wasser zu überschütten. Auch hier essen und trinken wir, füllen auf und machen uns auf den weiteren Weg. Der Abstieg zur Gramaialm ist sehr steil und ich muss etwas Tempo raus nehmen, meine Knie melden sich. Immer weiter geht es hinab bis zur Gramaialm (KM 44,5) und hier wartet wieder fröhlich Julia auch mich. Wir geben ein kleines Statement zu unserer Teilnahme ab und schauen dass wir zügig weiter kommen. Wir können ab jetzt einstellig die Kilometer rückwärts zählen – ein neuer Spaß beginnt!

Julia macht nun das Tempo bergab und wir laufen zügig mit 6 Min / km bis zur Falzturn Alm (KM 48,1)– die letzte Verpflegungsstation vor dem Ziel! Viel Verpflegung brauche ich nun nicht mehr, denn „eigentlich“ sind wir ja „gleich“ da.

Lachen hilft immer, auch auf Teerstraßen

Lachen hilft immer, auch auf Teerstraßen

 

Mental kommt nun eine Herausforderung auf uns zu. Es geht 4 km auf Teerstraße nach Pertisau ins Ziel. Unsere Fußsohlen brennen, die Oberschenkel sind dick und die Sonne tut den Rest.

Wir entscheiden jetzt einfach ins Ziel zu gehen. Wir tauschen die Eindrücke aus und können kaum die Kilometerschilder bis zum Ziel abwarten. Schau: das „eigentlich“ beste Schild: 1km!

Wir sind fast das!

Wir sind fast das!

 

 

 

 

 

werbegans.at

werbegans.at

Und hier mobilisieren wir alle Kräfte: Wir fangen wieder an zu joggen! Joggend laufen wir über die Ziellinie, reißen die Arme hoch. Ich sacke kurz auf den Boden, bevor ich meine Medaille

umgehängt bekomme.

Was für ein Tag! Eine fantastische Strecke, wunderschöne Aussichten und schweißtreibende Temperaturen jenseits der 30 Grad. Sicherlich könnte ich darüber nachdenken, um wie viel schneller ich die Strecke optimieren könnte, aber entscheide mich schnell dagegen. Ich bin richtig stolz auf mein Finish, unser Trio, die Stärke von Julia mit so zu ziehen, auf die Geduld von Franz und die Ausdauer von meinen Freunden von A nach B zu fahren, um uns dann in Pertisau zu empfangen.

Und so endet ein Tag, an dem ich meinen ersten Halbmarathon, Marathon und irgendwie eine Ultradistnaz gemacht hab. Unglaublich!

Wer nicht so weit gehen mag oder kann, der sollte sich wirklich überlegen die Strecke bis in die Eng zu machen. Die Veranstaltung ist sehr entspannt, ermöglicht so vielen Outdoorbegeisterten ein Erlebnis im Karwendel und überzeugt mit stets gut gelaunten und unterstützenden Streckenposten.

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