…einfach mal laufen lassen

…einfach mal laufen lassen

Ein Urlaubsmoment.

Wer kennt das nicht? Wenn man nach der langen Winterpause endlich mal wieder richtig biken geht, fällt das Bergabfahren erstmal schwer. Das Bikegefühl ist noch im Winterschlaf und kehrt meist nicht sofort zurück. Das passiert natürlich auch wenn man mitten im Februar beschließt eine Woche Enduro-Ballern auf den Kanaren zu machen. Ein live-Bericht:

Eine der Schlüsselstellen wo ich dieses Jahr abgestiegen bin…letztes Jahr war das doch alles so einfach?! pic by Andi Meyer

Es ist Tag zwei auf der Insel. Es ist der 17.02.2018 und meine Rad-Tiefenmeter beschränken sich auf die Ausfahrt vom Vortag; was fahrtechnisch eine ziemliche Katastrophe war. Ich liebe mein neues Fahrrad, aber ich bin einfach noch nicht wieder eingefahren. Ich steige an fast jeder kniffligeren Stelle ab – und es nervt mich. Tierisch! Das kenne ich so nicht von mir. Ich habe mich in der Gruppe ganz hinten einsortiert. Hinter mir fährt nur noch Simone, unser zweiter Guide. Wir sind unterwegs auf dem LP5 nach La Galga. Ich kenne den Trail eigentlich schon aus dem letzten Jahr, weil wir hier für die World of MTB Fotos gemacht haben. Ich bin das hier alles doch schon einmal gefahren!!

Aber nein, heute steige ich lieber ab und schiebe…und ärgere mich über mich selbst. Ein kleines bisschen bin ich froh, dass ich meinen Freund nicht dabei habe, sonst müsste er sich jetzt mein Geschimpfe anhören. So fluche ich innerlich stumm vor mich hin und versuche eine Ausrede nach der anderen zu finden, warum ich jetzt diese Stufe nicht gefahren bin oder in der Kehre den Fuß abgesetzt habe.

Dann folgt der Abschnitt nach dem Mirador (ein gemauerter Aussichtspunkt). Ab hier gibt es einige feuchte Spitzkehren auf glitschigen Steinen. Ich schicke Simone voraus, weil ich schon weiß, dass ich die Kehren nicht versuchen werde: zu nass, zu eng zu glitschig. Der Frust macht sich breit. Am Ende der Kehren wartet Simone auf mich und möchte wieder als letzte fahren. Der Trail verläuft hier in einer Art kleinem Canyon im feuchten Dschungel. Der Boden ist immer wieder mit großen losen Steinen durchsetzt.

Der Frust verleitet mich trotzdem dazu die Bremsen zu öffnen und ein wenig mehr Gas zu geben. Immer schneller und schneller lasse ich es laufen und freue mich darüber wie der Hinterbau meiner Black Beauty immer besser arbeitet und sich am Boden festsaugt. Die Gabel schmatzt glücklich. Die roten Erdwände des Canyons fliegen an mir vorbei. Auf einmal wird der Untergrund noch gerölliger. Ich habe zwei Optionen: Bremsen und einen Sturz riskieren, oder noch schneller fahren und wieder Stabilität generieren. Ich entscheide mich für letzteres. Simone hinter mir höre ich nur noch aufschreien „On FIRE!“ ruft sie, und wir schießen dahin. Mein Vorderrad hält wie auf Schienen die Spur, während mein Hinterrad einen wilden Ritt über das Geröll hinlegt. Ein Gefühl eines heftigen Rausches steigt in mir auf, als wir über Felsplatten und Absätze dahinfliegen. Und dann ist es auch schon wieder zu Ende. Wir waren so schnell dass wir den Rest der Gruppe trotz deutlichem Abstand wieder eingeholt haben. Mit einem fetten Grinsen geben Simone und ich uns ein High-5! Ich glaube ich bin noch nie in meinem Leben in schwierigem Gelände so schnell gefahren. Mein Bike-Gefühl? Das ist jetzt aus dem Winterschlaf aufgewacht!

Highspeed im Dschungel nach La Galga
pic by Andi Meyer

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