2016er Outside Biketest in Sedona, Arizona

Als mich im Dezember letzten Jahres die Anfrage erreicht, ob ich beim jährlichen Biketest der amerikanischen Outdoor-Zeitschrift Outside teilnehmen möchten, zögere ich nicht lange. Keine sieben Tage später war das Flugticket gebucht und keine vier Wochen später saß ich im Flieger nach Phoenix. Diesmal ohne den sonst obligatorischen Bikekoffer.

Ein eigenes Bike war nicht notwendig. Vor Ort gab es eine Vielzahl von Testbikes. Das Testfeld bestand aus insgesamt 73 Rädern unterschiedlicher Kategorien, neben Mountainbikes und Rennrädern waren auch Gravelbikes mit vertreten. Ausgangspunkt war die kleine Ortschaft Sedona im Bundesstaat Arizona im Südwesten der USA. Es gibt viele Argumente, die für Sedona als Testrevier sprechen: die für Januar angenehmen Temperaturen zwischen 15 und 18 Grad, die nahezu unzähligen Mountainbike-Trails sowie die verkehrsarmen Straßen im Hinterland zum Rennradfahren. Die Testcrew bestand täglich aus 15 bis 20 Fahrern mit wechselnder Besetzung. Darunter waren auch Jason und Mike, die beiden Inhaber des lokalen Bike Shops Over The Edge Sedona, die sowohl als Tester als auch als Guides fungierten.

Die ersten drei Tage standen im Zeichen der Rennräder

Der Red Rock Loop war unsere Testrunde, eine Runde bestehend aus 16 Kilometern und knapp 300 Höhenmetern. Schnell war klar, das wird anstrengend. Nach jeder Runde werden Testbögen ausgefüllt. Zu den Beurteilungskriterien gehören neben den diversen Fahreigenschaften und den Komponenten auch das Preis-Leistungs-Verhältnis, um den unterschiedlichen Preiskategorien gerecht zu werden. Die Unterschiede im Fahrverhalten der damenspezifischen Rennräder waren weniger gravierend als erwartet. Als entscheidend für den Fahrspaß haben sich andere Faktoren als wichtiger erwiesen. Die Auswahl der Komponenten ist bei einem Damenrennrad viel entscheidender: beispielsweise ist die Erreichbarkeit der Bremshebel mit kleinen Fingern enorm wichtig. Schalt- und Bremshebel müssen zudem mit geringer Handkraft bedienbar sein. Die elektronische Di2 Schaltung ist in diesem Punkt unschlagbar. Eine bergtaugliche Übersetzung sowie eine der persönlichen Vorliebe entsprechende Geometrie machen den Fahrspaß perfekt.

Mein persönliches Fazit: Für mich waren die Rennräder mit elektronischer Di2 Schaltung von Shimano in Kombination mit hydraulischen Schreibenbremsen der klare Favorit.

Nach etlichen Straßenkilometern und Höhenmetern war es langsam Zeit sich an etwas gröberen Untergrund zu gewöhnen. Nun standen die Gravelbikes auf dem Testprogramm. Unter Gravelbikes versteht man rennradähnliche Bikes, die im Gegensatz zu Rennrädern auch auf unbefestigten Wegen Fahrspaß bieten. Es handelt sich also um eine Art Rennrad nur mit mehr Reifenfreiheit und breiteren leicht profilierten Reifen. Da die Auswahl an damenspezifischen Gravelbikes (noch) sehr klein ist, gab es leider kein passendes Testbike für mich. Daher hatte ich Zeit mich etwas zu erholen.

Die zweite Wochenhälfte ging es dann mit den Mountainbikes ins Gelände

In diesem Jahr waren mehr als ein Dutzend Ladybikes am Start. Schon mit dem ersten Blick auf das Mountainbike-Testfeld war klar: DAS Mountainbike gibt es nicht mehr. Zuerst musste ich für mich die verschiedenen Laufraddurchmesser und Bezeichnungen klären.

26“: Die Kategorie der 26“ Bikes sind am amerikanischen Markt nahezu komplett ausgestorben. Nicht ein einziges Testbike (sowohl bei den Damen als auch bei den Herren) war mit 26“ Rädern ausgestattet.

27,5“ – 650B: Der Großteil der Ladybikes rollte auf 27,5“ Laufrädern. Die Reifenbreiten bewegen sich üblicherweise zwischen 2.1“ und 2.4“. Dieser Laufraddurchmesser wird für Fullys und Hardtails eingesetzt.

27,5“ Plus – Midfat – Fattie: Die 27,5“ Plus Modelle basieren auf dem identischen Felgendurchmesser wie normale 27,5“ Laufräder. Die Reifenbreite liegt allerdings zwischen 2.8“ und 3.0“. Durch die dickeren Reifen ist der Außendurchmesser eines 27,5 Plus Laufrades nahezu identisch mit dem Durchmesser eines 29ers. Auch 27,5 Plus wird für Fullys und Hardtails eingesetzt. Im Ladybike-Testfeld war ein Fully-Fattie vorhanden.

29“: Im diesjährigen Testfeld gab es keine Ladybikes mit 29’’ Laufrädern. 29er Laufräder finden vor allem an Hardtails oder Fullys mit etwas weniger Federweg Verwendung.

Fat: Die Fatbikes basieren auf 26“ Felgen. Die Reifenbreite liegt üblicherweise zwischen 4.0“ und 4.8“. Fatbikes werden meist als Hardtail mit oder ohne Federgabel angeboten. Fat-Fullys sind noch exotischer als Hardtail-Fatbikes und daher eher selten anzutreffen. Ein damenspezifisches Hardtail-Fatbike war auch im Testfeld vertreten.

Nachdem ich das Laufradchaos für mich geklärt hatte, konnte ich mich näher mit den Bikes beschäftigen. Interessant ist, dass die Geometrie einiger Ladybikes jeweils exakt der Geometrie der männlichen Pendants entspricht. Es scheint als haben immer mehr Hersteller verstanden, dass Frauen zwar in der Regel kleiner und leichter sind, aber grundsätzlich keine anderen Bikes brauchen – erst recht keine mit Blümchenaufklebern. Oft produzieren die Hersteller die Ladyvarianten zusätzlich in einer kleineren „XS“-Rahmengröße.

Erst einige Komponenten – vor allem die Kontaktpunkte zum Rad wie Lenker, Sattel und Griffe – machen die Bikes „frauenspezifisch“. Das klappt allerdings auch nicht immer. An einem der Ladybikes war ein 800 mm breiter Lenker montiert, was für alle Testerinnen deutlich zu breit war. Einige Hersteller passen auch das Dämpfersetup an das durchschnittlich deutlich leichtere Körpergewicht der Pilotinnen an.

Das größte Interesse der Tester – sowohl bei den Damen als auch bei den Herren – weckten die Midfatbikes. Diese Kategorie ist in Europa bisher erst selten in Erscheinung getreten. Ich hatte diese Bike-Kategorie als Marketing-Gag der Bike-Industrie abgestempelt und mich nicht weiter damit befasst.

Aber bereits nach der ersten Testrunde stand fest: die Midfatbikes haben ihre Daseinsberechtigung – vielleicht nicht im Flachland und nicht auf flowigen Trails, aber sehr gewiss in technisch anspruchsvollem und gerölligem Gelände. Auf den felsigen Trails in Sedona mit teils losem Gestein haben mir die Midfatbikes eine Menge Spaß bereitet. Nicht nur bergab, sondern auch bergauf lässt es sich im technischen Gelände – aufgrund der höheren Traktion – entspannter über Hindernisse rollen. Die Midfatbikes fühlen sich nach deutlich mehr Federweg an, was nicht zuletzt am geringen Reifendruck liegt, und garantieren somit Fahrspaß pur. Ein weiteres Plus der Midfatbikes liegt in den austauschbaren Laufrädern. Einige Hersteller haben ihre Midfatmodelle auch für 29’’ Laufräder freigegeben, da die Außendurchmesser nahezu identisch sind. Das macht die Midfatbikes mit einem zweiten Laufradsatz sehr universell – 29er Laufräder mit weniger profilierten Reifen für die schotterlastigen Hausrunden und die Plus-Laufräder für geröllige Alpentrails.

Mein persönliches Fazit: Trotz anfänglicher Skepsis bin ich von den Midfatbikes äußerst positiv überrascht! Welcher Name sich auch immer für diese Bikekategorie etablieren wird – Midfat, Semifat, Fattie oder 27,5 Plus – eins steht fest: mich wird diese Saison ein Midfatbike in den Alpen begleiten.

Welche Bikes die gesamte Testcrew überzeugt haben, könnt ihr in den nächsten Wochen im Cycle Life Blog des Outside Online Magazins nachlesen. Wer nicht solange warten will, kann sich an gleicher Stelle schon mal die ersten Testberichte und -videos anschauen.

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