Bike Park Tajare‘ — Ein naturbelassener Trailpark im Valle Stura in Piemont

Wir von Girlsridetoo wurden eingeladen Ende Mai im Rahmen eines Educationals den Bike Park Tajare’ und die Region des Valle Stura in Piemont, Italien zu entdecken. Unser Fazit: neben wunderschönen, flowigen, naturbelassenen All-Mountain und XC-Trails kann man in der Valle Stura auch Geschichte hautnah erleben und versteckte kulinarische Perlen finden. Aber lest selbst:

Entstehung und Status Quo

Das Projekt “Bike Park Tajare’” entstand vor etwa drei Jahren. Stefano, einer der Guides dort, begleitete damals schon Wanderer in der Region und wurde immer wieder gefragt, wo man denn am besten mit Mountainbikes fahren könnte. Da er zwar viele Trails kannte, diese aber weder beschildert, noch einfach zu finden waren, entstand die Idee, ein zugängliches Trailnetz aufzubauen. Zusammen mit dem Tourismusbüro “CuneoAlps – Conitours” in Cuneo, und Marco, einem weiteren begeisterten Mountainbiker, wurde ein Konzept für den Bike Park Tajare’ entwickelt.

Der namensgebende Monte Tajare‘ (gesprochen Ta-ja-räh) im Hintergrund

Seitdem erschufen sie ein etwa 100km langes, ausgeschildertes Trailnetz rund um den namensgebenden Monte Tajare’, der von den Trails aus immer wieder zu sehen ist. Momentan sind sieben Trails in drei Schwierigkeitsstufen ausgeschildert, vom “Sentiero dei Castelli” (facile, 12,3km, 300hm) bis zum “Track Ortiga e Alpe” (difficile, 38,3km, 1450hm). Die Mountainbike Trails sind zwar auch als GPS Daten bereit gestellt, das Konzept verspricht jedoch auch ohne weitere Hilfsmittel einfach den farbigen Markierungen an den Wegekreuzungen zu folgen.

 

Alte Ruinen im Wald

Viele Hütten und Restaurants, mit lokalen Spezialitäten auf der Speisekarte, sind in das Konzept eingebunden und durch die bikerfreundliche Atmosphäre fühlen sich Mountainbiker überall willkommen. In der Regel kommt man mit Englisch durch, grundlegende Kenntnisse der italienischen Sprache sind in den abgeschiedenen Ecken des Trailsnetzes sehr hilfreich. Auf den unterschiedlichen Trails im Bike Park Tajare’ sind auch historische Stätte zu erkunden. Festungen und Bunker lassen Besucher durch die Zeitgeschichte zurückreisen und Überbleibsel der Kriege des 20. Jahrhunderts und zu Napoleons Zeiten entdecken.

Liftunterstützung gibt es keine, dafür wunderschöne Auffahrten!

Obwohl das Trailnetz als “Bike Park” bezeichnet wird, handelt es sich nach unserem Verständnis um einen Trailpark, das heißt die Trailheads werden selbst angekurbelt, es gibt keine Lifte oder Shuttles. Die Wege sind naturbelassen, gebaute Elemente wie Anlieger oder Sprünge gibt es also nicht. Die Betreiber wählten die Bezeichnung als “Bike Park” in Hinblick auf das italienische Publikum, da der Begriff “Trailpark“ dort noch nicht etabliert ist. Auf den ersten Blick soll erkennbar gemacht werden sollte, dass es sich um ein Gebiet für Mountainbiker handelt.

Um das Gebiet auch außerhalb Italiens bekannter zu machen, durften eingeladene Mountainbiker/innen aus Europa die Region drei Tage lang erkunden. Dabei befuhren wir zwei der ausgeschriebenen Runden des Bikeparks im unteren Valle Stura und erkundeten zudem alte Militärwege und Festungen im höhergelegenen Valle Stura. Dabei konnten wir uns ein gutes Bild vom Charakter der Trails, der Umgebung und der Leute machen.

Erfahrungsbericht

Der Bunker von innen

Zum Kennenlernen führte uns Stefano auf die “ Giro dell’ Incoronata”, die mit 680hm und 20,4km als mittelschwer gekennzeichnet ist. Der Uphill führt wie bei den meisten Runden dort über sehr wenig befahrene Alphaltstraßen und Forstwege durch dichten grünen Wald. Durch die angenehme Steigung gewinnen wir schnell an Höhe, bis wir am höchsten Punkt der Runde den Gipfel des Monte Tajare’ erblicken. Bevor es hinab geht, führt uns Stefano in einen beeindruckend gut erhaltenen Bunker aus dem zweiten Weltkrieg, der unscheinbar aber direkt am Wegesrand einen Zugang hat. Die perfekt erhaltenen weißen Wände spiegeln das Handylicht wieder, das nach ein paar Metern einem tiefen Schwarz weicht. So arbeiten wir uns durch den hallenden Gang vor, bis wir auf der anderen Hangseite ausgespuckt werden. Ein Must-See auf dem “ Giro dell’ Incoronata“!

Die Trails sind eindeutig gekennzeichnet

Der Downhill beginnt sanft auf einem breiten Waldweg, der sich nach ein paar Metern einrollen zu einem Singletrail verschmälert. Im Slalom rollen wir um engstehende Bäume und erhaschen hier und da einen ersten Blick durch die Stämme hindurch ins Tal hinab. Im weiteren Verlauf wechseln sich Forstwege und Singletrails ab, unterwegs durchqueren wir winzige Bergdörfer. Nach einem kurzen Schiebe- bzw. Tragestück bergauf erreichen wir die Kapelle „La Incoronata“, die dem Trail seinen Namen gibt und kurz darauf eine riesige blaue Bank.

Die blaue Bank ist ein echter Hingucker!

 

Erklimmt man diesen Hingucker, kann man mit baumelnden Beinen bei einer kleinen Rast den Blick über das Val Stura schweifen lassen. Der Rest des Downhills schlängelt sich als einfach befahrbarer und sehr griffiger Singletrail durch dichten Kastanienwald hindurch zurück zum Startpunkt der Runde in Gaiola.

Am zweiten Tag fuhren wir die mittelschwere Runde “Paraloup” (21,5km, 750hm). Der Charakter der Runde unterscheidet sich kaum vom ersten Tag, bis auf die eine Kilometer längere Wegstrecke. Der Höhepunkt des “Paraloup” ist eindeutig das gleichnamige Rifugio, wo der Wirt hausgemachte Spezialitäten serviert. Die verschiedenen Honig- und Käsesorten aus der Region schmeckten hervorragend. Doch Vorsicht! – nicht an der Vorspeise satt essen, denn klassisch italienisch kommen noch mindestens drei Gänge dazu 😉 Wir haben diesen „Fehler“ in Valle Stura mehrmals begangen, denn es ist schwierig sich zurück zu halten, wenn die Köstlichkeiten vor einem auf dem Tisch stehen.

Käse und Honig aus der Region

Nach dieser goldenen (Farbe und Qualität) Stärkung ging es auf etwa 10km Singletrail wieder ins Tal hinab. Auf dem Weg begegneten wir verlassenen Steinhäusern im Wald. Es handelt sich um Bauernhäuser, die vor vielen Jahren verlassen wurden. Stefano erklärte uns, dass die Anhänger der Resistenza im Widerstand gegen den Faschismus im zweiten Weltkrieg sie als Verstecke nutzte. Heute bilden sie eine beeindruckende Kulisse für den langen Singletrail hinab ins winzige Dorf Gaiola, wo alle Trails des Bike Park Tajare’ enden. Auch heute waren wir mit einem 120mm Trailbike bzw. meinem 150mm Enduro mehr als ausreichend für die Trails gerüstet, denn die Trails nutzen die Höhenmeter super aus, sodass es keine wirklich steilen oder verblockten Stellen zu bezwingen gibt.

Der Forte Neghino, eine Festung aus der Zeit der Napoleonkriege

Der dritte und letzte Tag führte uns aus dem Bike Park Tajare’ hinaus in den höher gelegenen Teil des Valle Stura. Hier ist der Trailcharakter rauer und auch der Uphill auf einer kleinen, sehr steilen Asphaltstraße ging ziemlich in die Beine. Belohnt wurden die Strapazen mit einer Entdeckungstour im Forte Neghino, einer Festung aus dem Ende des 19. Jahrhunderts mit mittelalterlichem Flair. Der steile Ausblick von hier ins Tal hinab bietet den optimalen Platz für eine kleine Vesperpause. In einer Bäckerei hatte Stefano uns kleine Vesperpakete schnüren lassen und wir erholten uns mit Käse- und Salamibroten, Pizzastücken und einem kleinen Nachtisch von den Strapazen der Auffahrt. Bei der Aussicht wird die kleine Brotzeit zum Festmahl.

Blick ins höhere Sturatal

Anschließend folgen schmale Trails mit beeindruckenden Blicken hinauf zu den Gipfeln sowie hinab ins Tal. Immer wieder führt uns der Weg durch verlassene Dörfer, bei denen teilweise nur noch Steinmauern im Wald stehen. Letztendlich mündet der Trail in Vinadio, wo eine große Festung die Kulisse des Dorfs dominiert. In dieser finden wir ein gruselig angehauchtes Museum, das uns die Geschichte und Entwicklung des Tals näher bringt (allerdings nur auf Italienisch oder Französisch).

Trail im höheren Sturatal

Neben den Trails um das Forte Neghino, die wir mit Stefano zusammen befuhren, gibt es viele weitere Bike-geeignete Wege im höheren Valle Stura. Allerdings wird an deren Erschließung für das MTB noch gearbeitet. Der Plan ist, das beschilderte Trailnetz auf fast 1000km auszubauen, bislang muss man dort die meisten Trails aber noch selbstständig suchen oder mit Guide erkunden.

Das Angebot für Biker im Bikepark Tajare’ wird damit in Zukunft ständig wachsen. Schon diesen Juni wurde ein neuer Mountainbike Trail eröffnet.

Fazit

Flowige, einfache Trails sind im Bike Park Tajare‘ die Norm

Insgesamt finden wir, dass der Bikepark Tajare’ und das Valle Stura ein sehr mountainbikerfreundliches Gebiet ist. Der Charakter der (ausgeschriebenen) Trails ist XC/All-Mountain-lastig und auch für Einsteiger und E-Biker sehr gut geeignet. Auch für Familien mit MTB-begeisterten Kindern ist dies ein wahres Paradies. Erfahrene Biker können auf den flowigen Trails auch großen Spaß haben, wer aber ein explizites Enduro-Gebiet sucht, sollte besser die zusätzliche Stunde nach Finale Ligure auf sich nehmen.

Überall kleine Bergdörfer

Wer nicht nur sportlich auf seine Kosten kommen will, findet hier auch interessante geschichtliche Schätze. Für diesen Fall bietet sich ein Guide an, da viele der Bunker und Festungen nicht explizit ausgeschrieben sind und die ortskundigen Guides viele relevante Details einbringen und das Tal mit allen seinen Geheimnissen kennen und sehr gerne zeigen. Wer sich von der italienischen Küche verwöhnen lassen möchte (wer es nicht tut, sollte es tun 😉 ), findet im Tal liebevoll geführte Restaurants und Berghütten, die frische, lokale Spezialitäten anbieten.

Gibt es noch Geheimtipps in den Alpen? Wir sagen ja, und das Valle Stura gehört auf jeden Fall dazu!

 

Unsere Empfehlungen zur Einkehr:

Rifugio Paraloup – auf der Runde “Paraloup” eine kleine Hütte, die hausgemachte, lokale Spezialitäten bietet. Einfach zu finden, direkt am Trail.

La Truna – Altes restauriertes Bauernhaus, das nicht endend wollende Gänge mit ausgezeichneten Schmankerln serviert (). Der Weg dorthin ist abenteuerlich, er führt auf einer steilen, schmalen Schotterstraße den Hang hoch.

Agriturismo Aire – kleines familiär geführtes Restaurant / Ferienwohnung, mit absolut himmlischen Gerichten (auch vegetarisch) Recht abgelegen, aber lohnt sich auf jeden Fall! Hier wird auch Englisch gesprochen.

Fungo Reale – kleines Hotel/Restaurant im Nachbarort zu Gaiola, wo die Trails alle starten. Das Essen ist sehr gut, die Zimmer eher einfach gehalten.

Noch ein kleiner Geheimtipp für die Durchreise am Comer See: Agriturismo Il Talento nella quiete, ein familiengeführtes, restauriertes Bauernhaus mit idyllischen Zimmern und einem ausgezeichneten, hausgemachten Menü für einen sehr guten Preis. Auch das Frühstück ist vortrefflich und sehr üppig (was man von vielen Frühstücksbuffets in Italien nicht sagen kann). Hier am besten von der italienischen Seite aus hoch fahren, der Weg auf der Seite von Lugano ist sehr steil mit extremen, schmalen Serpentinen.

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