Alle Jahre wieder kommt der Winter…

Alle Jahre wieder kommt der Winter…

Und mit ihm die Kälte und die Dunkelheit. Manche stört das eher weniger und sie radeln das ganze Jahr über und trotzen Regen, Hochnebel und Schnee. Dann gibt es die, die „trotzdem“ radeln, sich aber eigentlich nach dem Sommer sehnen. Zu letzteren gehört auch unsere Steffi, die zum wiederholten mal aus dem Winter auf die ganzjährig warmen Kanaren geflüchtet ist.

Es ist Mitte Januar. Ich fühle mich unglaublich gestresst, im Job steht mal wieder das halbjährige Treffen mit den Industriepartnern an und bin gerade 2 Wochen mit Grippe flach gelegen. Der Stress macht mich wahnsinnig, und das Wetter in München kennt auch nur noch eine Farbe: grau. Sehnsüchtig denke ich zurück an den März letzten Jahres, wo ich mit meinen Teamkollegen vom Rennteam der World of Mountainbike eine Woche auf der Kanareninsel La Palma verbracht habe. Fünf lange Stunden Flugzeit ist die Isla Bonita von München entfernt, die Flüge entsprechend teuer. Frustriert öffne ich trotzdem die Homepage von Condor (die einzige Fluggesellschaft die von München aus Direktflüge anbietet) und es haut mich fast von den Socken: 600€ für einen Flug Mitte Februar? Ist das deren Ernst? Ich schließe die Seite wieder und arbeite weiter…

Zwei Wochen später…

Zwei Wochen später, das Projekttreffen ist überstanden, bin ich immer noch überarbeitet und fühle mich urlaubsreif. Mein Freund ist noch auf Geschäftsreise in den USA und ich spiele wieder mit dem Gedanken einfach spontan Urlaub zu machen. Und wieder finde ich mich auf der Condor-Seite wieder…und bin überrascht: der Flug der vor zwei Wochen noch 600€ gekostet hatte wurde drastisch reduziert! Nun gibt es Hin- und Rückflug inklusive Fahrrad für sensationelle 350€! Ich schlage spontan zu! La Palma ich komme!

am Flughafen

Ein paar Stunden später überkommen mich Zweifel: soll ich das wirklich machen? Aber eigentlich kann ich ja nicht mehr zurück. Aber so ganz alleine hab ich noch nie so einen „großen“ Urlaub gemacht. Egal, wird schon werden denke ich und mache mich auf die Suche nach einer Unterkunft – und erkenne nun warum der Flug so günstig war: auf allen einschlägigen Hotel- und Unterkunftsseiten sind keine freien (bezahlbaren) Unterkünfte auf der Insel zu finden! Gut dass ein guter Bekannter, der Mechaniker Bernd, letztes Jahr auf die Insel ausgewandert ist. Ich schreibe ihm kurz eine Nachricht und bekomme sofort Antwort: er gibt meine Anfrage an Philipp von Atlantic Cycling weiter. Der mir auch prompt antwortet, dass er mir noch ein Appartement und einen Platz im „Big Mountain“ Tourenprogramm für den Zeitraum anbieten kann – perfekt, ist gebucht. Sechs Tage später lasse ich mich von meinem Bruder an den Flughafen bringen und los geht’s!

Auf der Insel…

Der Ausblick von meinem Balkon…geil oder?

Auf der Insel angekommen werde ich mit den drei anderen Gästen die mit dem Flieger aus München angereist sind vom Shuttle-Unternehmen Aceshuttle, welches Philipps Partnerin Acerina gehört, abgeholt und auf die Westseite der Insel nach Puerto Naos gebracht. Der Ort ist sehr klein und touristisch, liegt aber dafür direkt am Meer und besitzt einen der wenigen großen Sandstrände der Insel. Mein Appartement liegt in einem Haus welches in erster Reihe am Strand steht, von meinem Balkon aus habe ich Meerblick, ich bin begeistert!

Am Abend gibt es ein gemeinsames Begrüßungsessen in der lokalen Pizzeria. Pizza in Spanien klingt erstmal seltsam, aber das Lokal wird von Italienern betrieben und das Essen ist sehr lecker. Wir sind eine ziemlich große Gruppe, fast 20 Leute versammeln sich an den Tischen. Nach dem Essen bleibe ich allerdings nicht mehr lange, ich bin müde und will einfach nur ins Bett.

meine Black Beauty an der Strandpromenade von Puerto Naos

Am nächsten Morgen startet dann das Tourenprogramm. Die Woche ist wohl sehr beliebt, es werden insgesamt drei Gruppen unterschiedlicher Könnenstufen gebildet. Ich sortiere mich in der mittleren ein und los geht’s. Es ist perfektes Wetter, oben am El Pilar wo das Shuttle uns ausgesetzt hat herrscht Kurzarm-Wetter; was für ein Kontrast zu zuhause! Ich freue mich auch zum ersten mal meinen neuen fahrbaren Untersatz, meine „Black Beauty“, ein LIV Hail Advanced in seiner natürlichen Umgebung bewegen zu können. Auf und ab geht es über die Cumbre Nueva, dem großen Bergrücken der Insel gen Norden. Normalerweise hängen hier so gut wie jeden Tag die Passatwolken, aber heute ist die Fernsicht einfach nur gigantisch. Zu beiden Seiten des Trails sehen wir das Meer…sofern es nicht vom Dschungel verdeckt wird. Irgendwann entscheidet sich unser Trail dann für die Ostseite der Insel und es geht steil und steinig bergab  in die Hauptstadt der Insel, nach Santa Cruz.

Auf der Cumbre Nueva…die entgegen ihrem Namen eigentlich ein ziemlich alter Teil der Insel ist

Auch an den folgenden Tagen zeigt sich die Insel von ihrer besten Seite und wir machen fantastische Touren durch den Dschungel nach La Galga und starten vom höchsten Punkt der Insel: dem Roque de los Muchachos auf über 2400m Höhe. Hier erlebe ich dann auch noch eine Seltenheit auf der Insel: es hat in der vohergehenden Woche geschneit, und durch den Passatwind haben sich einzigartige Eisskulpturen auf den schwarzen Vulkanfelsen gebildet.

Die Guides…

Eis am Roque de los Muchachos, ein seltenes Erlebnis!

Die Guides von Atlantic Cycling sind super, und kennen außer den besten Trails der Insel auch die Orte an denen es den besten Kaffe und die besten Bocadillos (Sandwiches) gibt. Besonders Stefan Schlie (ich nenne ihn insgeheim den E-Bike-Missionar, da er die technisch anspruchsvollen Trails eigentlich lieber bergauf fährt) beeindruckt mich mit seinem detaillierten Inselwissen; Seit über 20 Jahren ist er auf der Insel unterwegs und kennt jeden noch so kleinen Steig und dessen Geschichten. Besonders hat mich aber die Bekanntschaft mit Simone Wechselberge gefreut. Die passionierte Downhill-Worldcup-Fahrerin verbringt ihren ersten Winter auf der Insel und verstreut reinste Lebensfreude! Außerdem ist sie auf dem giftgrünen Bruder-Bike meiner Black Beauty unterwegs, was uns schon allein aus diesem Grund gegenseitig sympathisch macht.

Der dritte Guide mit dem ich einen Tag auf der Insel verbringen darf, ist der Bernie Stoll. Wie wir feststellen wohnt er fast im selben Ort wie unsere Girlsridetoo-Jule und wir kommen sofort ins Gespräch. Auch er kennt die Insel nach vielen Jahren wie seine Westentasche und er zeigt unserer auf 4 Personen geschrumpften Gruppe am letzten Tag noch einige eher unbekanntere Trails auf der Südost-Seite der Insel. Unter anderem fahren wir eine lokale Downhillstrecke die in einem der vielen Barrancos (trockenes Bachbett, fast schluchtartig) nach unten führt. Nach den ersten paar Metern und knackigen Steilstücken ist mir auch klar, warum die eher selten mit Gruppen befahren wird- der Trail hat es echt in sich! An einer Stelle verengt sich die Rinne in der wir unterwegs sind und mündet in eine fast senkrechte Felsplatte.

Die Mutprobe…

mimimi…es war deutlich steiler als auf dem Foto erkennbar…wie immer 😉

Schneller als ich schauen kann sind die Männer auch schon alle unten. Nur ich stehe noch da und frage mich wie zum Henker ich da jetzt runterkommen soll. Ich hab selten eine so steile Felsplatte gesehen. Das letzte Mal bei der EWS in La Thuile, aber die waren nicht so lang! Aber zurück kann ich ja auch nicht, schließlich haben wir schon einige Steilpassagen passiert und aus dem Bachbett ist rechts und links durch senkrechte Wände kein Entkommen. Also ziere ich mich noch ein paar Minuten während mir von unten aufmunternde Worte zugerufen werden, dann atme ich tief ein und rolle laaaaaaaangsm wie in Zeitlupe in die Schräge hinein. Nach den ersten Metern muss ich die Bremse öffenen um nicht jegliche Kontrolle zu verlieren und huiii…schon ist es vorbei. War eigentlich ja gar nicht so schlimm…ich glaub ich muss mir doch von Diana einen „no mimimi“-Aufkleber besorgen. Für die Zukunft und so…

Die Jumpline…

nicht nur Meerblick, auch noch eine Jumpline vor der Haustür – manchmal hat man einfach auch Glück im Leben!

Zurück in Puerto Naos schanzen wir noch ein paar mal über die Jumpline, die sich zufällig auch fast neben meinem Appartement befindet. Danach heißt es langsam Fahrrad putzen und Abschied nehmen. Zusammen mit Simone, Franzi, Joschi und Olaf von der Bike Station La Palma fahre ich zum Abendessen nach Los Llanos hoch, in das absolut beste Restaurant das mir auf der Insel bisher begegnet ist.

Am nächsten Vormittag geht’s dann mit dem Shuttle zurück zum Flughafen. 20min vor der eigentlichen Abflugzeit startet der Flieger dann auch schon wieder in Richtung Heimat. Wehmütig sehe ich La Palma in den Passatwolken verschwinden. Nun geht’s zurück in den Winter. Meine Sonnenakkus sind aber wieder prall gefüllt und bis bei uns die Sommersaison startet werde ich jetzt durchhalten. Wie jedes Jahr. Bis der nächste Winter kommt…und ich wieder das Inselglück suchen werde!

 

Hier noch ein paar die Links der Bike-Tourenanbieter bei denen ich bisher ausnahmslos tolle Urlaube verbracht habe (falls ihr jetzt auch Lust auf Inselbiken bekommen haben solltet):

Atlantic Cycling (in Puerto Naos)

Bike Station La Palma (ebenfalls in Puerto Naos)

Magic-Bike La Palma (in Los Llanos, dafür mit angegliederter Unterkuft El Porvenir)

Alle drei kann ich ohne Einschränkung wärmstens empfehlen!!

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