Airtime is safe time – oder „in der Luft ist noch keiner gestürzt“

Ein Erfahrungsbericht…

Es war ein mal, vor ziemlich genau 10 Jahren, da nahmen mich ein paar Bekannte zum ersten Mal mit in den Bikepark am Geißkopf, wo ich mich mit dem Mountainbike-Virus infizierte. Damals waren die Strecken noch rau, von großen Wurzeln und Felsen durchzogen, so dass man auch wirklich nur mit ausreichend Federweg Spaß hatte. Flowtrails waren damals noch ein Fremdwort. Ich hatte damals keinerlei Ahnung von vernünftiger Fahrtechnik, viele andere allerdings genauso wenig, und so fuhr ich mit mit meinem Arsch weit hinter dem Sattel einfach alles „irgendwie“ runter. Was es damals aber schon gab, waren große Sprünge, Gaps und Drops. Und irgendwie gehörte es halt auch dazu diese mitzunehmen. Dass ich damals keine einzige Landung getroffen habe sondern eigentlich notorisch zu kurz gesprungen bin, habe ich erst sehr viel später gelernt, nachdem ich (wahrscheinlich eher zufällig) meine erste Landung getroffen hatte.

Die „Arsch ganz weit hinten“-Technik

Damals habe ich versucht alles mitzunehmen was damals in den Bikeparks so rumstand und gefahrlos „zu kurz gesprungen werden“ konnte. Bis zu dem Tag beim ixs European DH Cup am Geißkopf, als mich im Rennlauf an einem der größeren Sprünge eine Windböe erwischte und um gefühlte 3m verblies (wsl waren es keine 20cm, aber es hat sich nach detulich mehr angefühlt). Ab dem Tag war meine Sprung-Laune deutlich gedämpft. Ich wurde unsicher, habe immer weniger neue Sachen versucht und bin mit meinen Rädern immer mehr am Boden geblieben. Die Tatsache dass ich ein paar üble Stürze bei versemmelten Landungen mit angesehen habe, machte die Sache nur noch schlimmer. Auch das DH Rad, welches ich mir dann ein paar Jahre später zulegte machte keinen Unterschied mehr und fristete ein jahrlanges, einsames Kellerdasein. Ich stieg um auf Enduro-Rennen und hielt bis auf kleine Ausnahmen an kleineren Stufen oder einem Table hier und dort meine Räder brav am Boden. Stattdessen feilte ich an meiner Fahrtechnik, lernte vernünftig Kurven zu fahren und wie ein sauberer Bunny-Hop funktioniert. Aber größere Sprünge? Nee, bloß nicht!

 

Bis vor ein paar Wochen.

Flieg kleines Radl, flieg!

Vor ein paar Wochen habe ich jemanden kennengelernt. Einen echt netten Kerl, mit Fahrradfahr-Hintergrund. Und wie das so ist, will man ja auch ein klein wenig guten Eindruck machen, also habe ich mich bei unseren ersten gemeinsamen Bikepark-Ausflügen bemüht an seinem Hinterrad dran zu bleiben – was überraschend gut funktioniert hat…naja zumindest so lange bis in den Strecken Sprünge aufgetaucht sind. Besagter netter Kerl kommt nämlich aus der Dirt-Jump-Szene (ja, das sind diese Verrückten die über Erdrampen hüpfen die eher die Form einer Raketenabschussrampe haben als irgendwas anderes) und kann daher zaubern. Jeder noch so verrückte Absprung wird bei ihm genutzt um sich ala „Speedfeld“ von Mario Kart zu beschleunigen. Ehrgeizig wie ich nunmal bin, hat mir das gleich mal ein wenig gestunken auf der Strecke so stehen gelassen zu werden. Also hab ich all meinen Mut zusammengenommen und angefangen hinterher zu hüpfen. Erst mal nur an den ganz kleinen Sprüngen, dann nach und nach auch an den eher größeren Geschichten. „Copy&Paste“ Fahren haben wir das dann getauft – ich hab einfach versucht genau das nachzumachen was er vorne macht. Und es funktioniert! Das Gefühl selbstbewusst durch die Luft zu fliegen ist einfach einmalig. Und eine Landung zu treffen macht sehr viel mehr Spaß als einfach nur stumpf einzuschlagen und die Dämpfungseigenschaften des Fahrwerks zu testen.

Ein paar Wochen später, ich war in meiner Eigenschaft als Markenbotschafterin für LIV auf dem Mountainbike Womens Festival in Serfaus, habe ich die amtierende österreichische Vizemeisterin im Downhill getroffen. Simone ist eine Freundin von mir, seit wir uns im Februar auf La Palma kennengelernt haben. Abends, nach Ende des offiziellen Programms starten wir noch ein paar gemeinsame Party-Laps bis der Lift schließt.

Simone und ich auf La Palma

Simone ist verdammt schnell, und ich gebe alles um irgendwie an ihr dran zu bleiben. Auf der roten Hauptstrecke des Bikeparks gibt es mehrere sehr große Tabels. Bisher habe ich mich noch nie getraut sie bei voller Geschwindigkeit zu fahren. Aber nun stehe ich vor der Wahl: abziehen und an Simone dranbleiben oder bremsen und wegschlucken und Simone ist weg…mit den Erfahrungen der letzten Wochen entscheide ich mich für Abziehen…und fliege eine gefühlte Ewigkeit über den Tabel. Wow, was für ein Adrenalinkick! Bis zur nächsten Kreuzung nimmt mir Simone zwar trotzdem noch einige Meter ab, aber sie schafft es nicht mir gänzlich davon zu fahren und ich bin mega stolz.

Zwei Tage später nehmen wir uns dann die Downhillstrecke vor. Kurz vor dem Streckenende gibt es zwei Sprünge die Holzrampen als Absprünge haben. Bisher bin ich hier immer nur ehrfürchtig außenherum gerollt und habe mir nur gedacht „Wow, die sind doch völlig verrückt die hier drüber springen“. Und da ich ja auch „nur“ mit meinem Endurobike unterwegs war, hatte ich auch eine gute Ausrede weil „großer Sprung – großer Federweg“. Doch irgendwie habe ich nicht mit Simone gerechnet. Die hat sich an diesem Tag von LIV auch ein Hail ausgeliehen, so dass wir beide mit identischen Rädern unterwegs waren. Natürlich habe ich daher erst recht versucht an ihr dran zu bleiben (am Material kann’s ja nicht liegen wenn ich langsamer bin). Mit zwei Radlängen Abstand schießen wir durch den Trail. Simone vorn, ich mit „Copy&Paste“ Fahrstil hinterher. Da bemerke ich dass wir direkt auf die Holzrampen zuhalten. „MISSION ABBRECHEN!!!!“ schallt es durch mein Hirn „Vergiss es, du bist viel zu schnell um noch auszuweichen“ antwortet die Vernunft und im nächsten Moment hebe ich ab. Der Boden unter mir entfernt sich immer weiter. Simone vor mir ist auch noch in der Luft. Ich erlebe alles wie in Zeitlupe…unter mir taucht langsam der Landehügel auf. Allerdings bin ich etwa 1,5m oberhalb des Hügels. Dann tauchen Wurzeln auf über die ich nach wie vor hinwegfliege. Langsam frage ich mich wo ich landen werde. Weitere Wurzeln ziehen unter mir vorbei. Der Hügel unter mir fängt an wieder abzufallen. Der nette Kerl hat immer wieder betont: „Airtime is safe time – in der Luft ist noch keiner gestürzt“. Auch das schießt mir während der Flugphase durch den Kopf. Ein paar Meter vor mir sehe ich endlich wie Simone vor mir sanft im Wurzelfeld aufsetzt und mit Mach 2 weiter durch den Trail schießt. Einen Moment später lande ich auch…sicher und unversehrt. Trotzdem steige ich als erstes voll in die Bremsen. Wow, ich kann wieder fliegen!

Ich kenne so viele Frauen da draußen die Angst haben vorm Springen. Ich kann euch nur raten: stellt euch euren Ängsten und lernt wie ich (wieder) fliegen, es ist unglaublich!

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