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    08.06.2010 08:48 Uhr

    Im Schleudergang der Gefühle und Elemente

     

    [JULE] "4 Tage Bike- und Rennspaß" stand da verheißungsvoll im Programm der Trans-Germany, die über 200km und fast 10.000 Hm von Garmisch zum Bodensee führen sollte. Doch wenn die Vorbereitung und die Elemente nicht so ganz mitspielen, wird so ein Etappenrennen noch stärker als sonst zur mentalen und körperlichen Herausforderung. Ein Tagebuch der Extreme.

    Die Tage davor
    Bereits seit Tagen prasselte der Regen unerbittlich vom bayerischen Himmel, während Restdeutschland sich am See sonnte und ich mich kaum noch daran erinnern konnte, wann ich „den Planet“ das letzte Mal gesehen hatte. Doch der Termin- und Arbeitsstress hielt mich eh erfolgreich davon ab, mal aus dem Fenster zu sehen. Dienstag, gegen zehn Uhr abends waren dann auch endlich die Taschen gepackt und ich konnte endlich mal auf die Couch fallen und mir überlegen, worauf ich mich da eingelassen hatte. Angesichts der job- und krankheitsbedingten mehr als schlechten Vorbereitung und der zu erwartenden extrem hohen Leistungsdichte war für mich klar, dass es diesmal nur ums Mitfahren und Ankommen ging. Also Druck rausnehmen und versuchen, trotz der angekündigten widrigen Bedingungen möglichst viel Spaß zu haben. Mit diesem Gedanken lies es sich eigentlich ganz gut schlafen.

    Tag 1: Schlammpackung inklusive
    So reisten wir Mittwochmorgen im strömenden Regen gen GAP. Dort das gewohnte Gewusel und Hallo und der übliche leichte Pre-Renn-Stress bis endlich alles dort ist, wo es hingehört: Das Auto abgestellt, die Taschen abgegeben, die Gels im Trikot, die Bikes unterm Hintern und der Fahrer im richtigen Startblock. Puh.

    Der Veranstalter hatte uns  - wohl noch eingedenk der Katastrophe beim Zugspitzlauf vor zwei Jahren - eindringlich auf die nahe Schneegrenze und die zu erwarteten eisigen Temperaturen in den Bergen hingewiesen. Das hatte Wirkung gezeigt: Eine höhere Regenjackenhosenhelmcoverdichte hatte ich bei einem Rennen zuvor nicht gesehen. Auch ich hatte mich eingepackt: Kurze Regenhose und Regenweste – nie hätte ich mir vorstellen können, so mal auf ein Rennen zu starten. Aber nachdem es bei mir diesmal eh nur um ein gutes Training und dabei möglichst nicht krank werden ging, schien mir das eine gerechtfertigte Ausnahme.

    Dann der Startschuss – und los ging es, auf unser 4-Tages-Abenteuer. Ein kurzes kollektives Einrollen auf dem Radweg mit den üblichen Ziehharmonikaeffekten, dann die erste Rampe hinauf zur Partnachalm – und der erste Schreck: Den statt gezielt aufs größte Ritzel zu wandern, machte meine Kette einen weiteren Schritt darüber hinaus und verschwand mit einem lauten Krachen zwischen Ritzeln und Rahmen. Auweia. „Ist mein Rennen schon nach 5 Minuten beendet?“ schoss es mir durch den Kopf (und ich gestehe ehrlich: Sooo ganz schrecklich und unerträglich erschien mir dieser Gedanke in dem Moment gar nicht). Gut 100 Fahrer hinter mir fluchten, überholten, kommentierten schlau, während ich hektisch versuchte, das Ding da wieder raus zu kriegen – was mir schließlich dann auch gelang. Also zurück aufs Bike gehupft und auf zum Überholmanöver angesetzt. Zum Glück waren die Beine erstaunlich gut und so flog ich trotz der jetzt fehlenden kleinen Gänge (denn die ließen sich für den Rest des Tages nicht mehr schalten) an den meisten wieder vorbei, hinauf zu Alm und weiter, gen Ellmau, die Leutasch entlang und immer weiter zum höchsten Punkt. Zwar war die Brille inzwischen so verdreckt, dass ich die Strecke nur noch durch ein paar einzelne, stecknadelkopfgroße Gucklöcher erahnen konnte und der Wind immer kälter geworden, doch meine Beine ließen sich davon nicht bremsen und wirbelten munter im Kreis. Oben. Hurra!

     Von wegen „hurra“: denn jetzt ging es bergab – und mein Leid begann: Innerhalb von Sekunden waren die Hände gefühllos, dosiertes Bremsen kaum noch möglich, die Beine zu starren Klumpen gefroren. Immer weiter ging es hinab nach Ehrwald, wo mir kurz der Gedanken durch den Kopf schoss, man hätte die Strecke vielleicht aufgrund der extremen Bedingungen verkürzt und wir würden direkt ins nahe Lermoos geleitet – doch nix da: Rechts abgebogen und die nächste Rampe vor der Nase: Da sollten wir hinauf. Doch irgendwie konnte ich das meinen Beinen nicht so ganz klar machen, waren sie überhaupt noch da? Sehen konnte ich sie durch die Dreckbrille schon lange nicht mehr, spüren jetzt aber auch nicht mehr. Im dicken Gang versuchte ich mich hinaufzuwuchten, jede Kurbelumdrehung eine Qual und nur durch mentale Kräfte bewirkt. „Mädel, schalt runter“, schallte es von rechts – ach, wirklich? Danke für den Rat … können vor Lachen …. Andere Fahrerinnen, die ich zuvor noch überholt hatte, eilten an mir vorbei, während die Rampe nicht enden wollte. Doch irgendwann hat alles ein Ende und wir schienen tatsächlich oben zu sein. Vorsichtig legte ich das Display meines Polar frei, in der Hoffnung, dort nur noch wenig Restkilometer bestätigt zu bekommen, doch Irrtum: dieser zeigte unerbittlich mehr als 10 weitere davon an – und die führten keineswegs nur bergab. Im Gegenteil, nun ging es durch frisch gemähte Schlammwiesen wellig dahin – und dahin ging’s auch bei mir – mitten hinein in meinen ersten Hungerast. Steif gefroren und in der Hoffnung auf ein baldiges Ende hatte ich das letzte Gel in meiner schier unerreichbaren Trikottasche stecken lassen. Ein böser Fehler: Die Erde fing zu schwanken an, Lichtblitze funkelten vor meinen Augen, die Welt um mich herum verschwamm. Kaum noch konnte ich ein zu querendes Geröllfeld erkennen, über das ich zu Fuß stolperte als wäre ich im Delirium. Ich konnte nicht mehr denken, kaum noch treten, wollte nur noch eines: Endlich ankommen. Schließlich: Bibbernd, zitternd, der Ohnmacht nahe im rettenden Ziel! Jetzt nur noch das Hotel finden und dann nie mehr auch nur ans Biken denken!

    Halb blind stolperte ich zur Pension, kläglich nach Einlass rufend stand ich vor der Tür, die sich schließlich endlich öffnete – begleitet von dem Kommentar „So kann ich sie eigentlich hier gar nicht reinlassen“. Das Ende meiner Selbstbeherrschung. Tränen schossen mir in die verklebten Augen und wäre mein Schatz nicht just in dem Moment erschienen, ich wäre mit dem Schlamm um mich herum zur Pfütze verflossen. Mitsamt den Klamotten stellte er mich unter die heiße Dusche und 30 Minuten später war ich – äußerlich, wie innerlich – so langsam wieder zum Menschen geworden.

    Gut so, denn nun war wieder Funktionieren angesagt: Bei einem Etappenrennen ist „nach dem Rennen“ gleich „vor dem Rennen“: Die Klamotten wollten vom Dreck befreit und irgendwie getrocknet werden, das Rad musste wieder auf Vordermann gebracht werden, das Loch im Magen gefüllt, die leeren Beine regeneriert und vor allem die Motivation irgendwie wieder auf ein erträgliches Level bebracht werden. Da half es nur bedingt, dass der Regen weiterhin unerbittlich ans Fenster prasselte und aus dem Fernseher Worte wie „Erdrutsche in den Bergen“, „Überflutungen“ und „anhaltender Starkregen“ tönten. Gedanken wie, „Warum nur machen wir DAS … freiwillig!?“ und „Sollen wir uns das morgen WIRKLICH noch mal antun?“ wandern da unweigerlich durch den Kopf und schleichen sich in Träume, die uns schließlich davon in Tag 2 trugen.

    [Weiter zu Tag 2]


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