März: Petra Müssig
Petra habe ich letztes Jahr bei einem ihrer DAV-Vorträge zum Thema "Angst beim Biken" kennen gelernt. Dabei mochte ich die "Mental-Trainerin" (ein Begriff, mit dem sie sich bislang noch nicht so gaanz identifizieren kann ;o)) nicht nur sofort - auch ihre Inhalte und die Art, wie sie sie rüber gebracht hat, haben mich sofort begeistert. Dass der Frauenanteil dabei mindestens 99% betrug, machte dann schnell klar: Das ist ein echtes "Frauenthema"- hier muss ich für euch dran bleiben! Und voila - hier ist sie und erzählt euch mehr von ihren Ansätzen und Ideen:
Petra, wie bist du zum Mountainbiken gekommen?
Kommt drauf an, was jemand unter Mountainbiken versteht: In den Bergen Rad fahren tu ich schon seit viele Jahren. Ich war jahrelang mehrere Wochen im Sommer mit dem Rad auf vielen griechischen Inseln unterwegs und auf den meisten gab es keine Teerstrassen. Wir sind über Pfade, Schotterpisten, über ausgetrocknete Salzseen, durch einen Vulkan und meistens querfeldein gefahren. Mein damaliger Lebensgefährte war ein Lebenskünstler zu Fahrrad, für den „normale“ Wege sowieso nichts zählten.
Von 1987 bis vor zwei Jahren lebte ich immer in den Bergen, Oberammergau, in Garmisch, im Chiemgau. Da war das Thema mit dem Rad in die Berge irgendwie alltäglich, allerdings weder downhill noch über irgendwelche großartigen Hindernisse drüber.
Mein erstes Erlebnis mit der Welt des „echten“ Mountainbikens war vor knapp 3 Jahren. Ich wurde von der Zeitschrift Mountainbike angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, in einem Projekt als MentalCoach mitzuarbeiten. Damals wurde einer Praktikantin beim Magazin angetragen, sich im Zeitraum von wenigen Monaten auf die Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft im Downhill vorzubereiten, mit Konditions-, Technik- und eben Mentaltraining. Ich fand das Projekt auf den ersten Blick ganz reizvoll und verstand mich mit der Julia – die dafür ausgewählt worden war – auf Anhieb. Also habe ich mich bereit erklärt, sie mental zu coachen. Wir waren dann am Gardasee und haben bei einem Fahrtechnikcamp von Stefan Herrmann mitgemacht, und das war dann mein erster Kontakt mit „richtigem“ Mountainbiken. Dort ist mir das Bergauffahren etwas schwer gefallen (nach der Blamage bin ich jetzt wieder fit ;-)). Aber das Bergabfahren, das fand ich genial! Ich hatte so richtig Spaß und der Stefan hat das mit der Technik klasse erklärt, da hab ich einfach alles mitgemacht und bin seitdem immer mal wieder am rumgucken nach kleinen Steilhängen, Baumstämmen zum drüberhüpfen oder über irgendwas balancieren. In diesem Kurs ist mir dann die Idee gekommen, die mentalen Techniken, die ich in anderen Sportarten vermittle, in einem Workshop auch für Mountainbikerinnen anzubieten. So habe ich mich auf die Suche nach möglichen Kooperationspartnern / Partnerinnen für „Mut tut gut!“ Workshops im Mountainbiken gemacht und habe jetzt mit Jule von girlsridetoo eine gefunden! Das Projekt mit der Julia wurde übrigens sehr bald wieder gekippt: Es ist eine Illusion, alles das, was zur Teilnahme an Downhill-Rennen nötig ist, in so kurzer Zeit lernen und automatisieren zu können.
Was ist für dich das Schönste am Biken, das Besondere im Vergleich zu anderen Sportarten?
Ich bin sehr gerne draußen in der Natur, eigentlich immer, in jeder freien Minute und zu 50 % meiner beruflichen Zeit. Auf meinem Rad vergesse ich Zeit und Sorgen. Ich liebe es, einfach so dahin zu sausen. Ich find es klasse, mich gelegentlich kleinen – oder größeren - Herausforderungen zu stellen wie jetzt dieses kleine Stück da runter brettern oder da drüber oder auch einfach mal 30, 40 Kilometer von A nach B. Und dann liebe ich diese Kaffeepausen und Einkehrrasten unterwegs: verschwitzt und glücklich über die bisher zurückgelegte Strecke steigst Du vom Rad, schnallst den Helm ab, da sind schon andere Biker und es riecht nach Kaffee und der Kuchen lacht Dich an …. Glücksmomente auf 2 Rädern eben!
Was war dein schönstes Bike-Erlebnis? Und dein schlimmstes?
Mein schönstes Bike-Erlebnis war auf dem Singletrail am Gardasee, das war mein erster Singletrail überhaupt. Ich war so begeistert, dass ich in ein Flow- Erlebnis gekommen bin: vollkommen konzentriert und eins mit mir und dem was ich da mache, überhaupt keine Angst, nur neugierig, kreativ und gespannt, wies funktioniert. Und gefreut hab ich mich wie Schnitzel als der Stefan gesagt hat: “Also mit DEM Bike … das hätte ich Dir gar nicht zugetraut!“
Mein schlimmstes Erlebnis? Das ist nicht mir passiert, sondern meinem damaligen Freund, den hat es nämlich auf einem Trail im Wald wie in Zeitlupe überschlagen, der ist so richtig durch die Luft geflogen. Das mit ansehen zu müssen, das war schlimm. Zum Glück ist ihm nicht viel passiert, aber alleine der Schreck und der Horror, ihn so fliegen zu sehen, das war schon schlimm.
Durch meine langjährige eigene Sport-Karriere kann ich - glaube ich - ganz gut einschätzen, was ich schaffe und was ich mir zutrauen kann, sodass ich bisher immer rechtzeitig entweder abgestiegen oder ganz vermieden habe was mir gefährlich werden könnte. Das ist übriges auch etwas, das ich lehre: Wenn du dir nicht sicher bist, dann lass es bleiben. Dann hör ich oft: „Ja, aber wenn ich es immer bleiben lasse, dann wird das doch nie was mit dem besser werden“. Daraufhin sage ich: Grenzen nach oben verschieben braucht a.) viel Übung und viele kleine Erfolgserlebnisse. Und b.) Grenzen nach oben verschiebst du nur an Tagen, an denen du voll fit und so richtig gut drauf bist. Lieber einmal zu viel abgestiegen und geschoben, als dass du dir und deinem Körper immer wieder Stress mit zu diesem Zeitpunkt zu hohen Anforderungen machst. Das kommt schon alles, aber eben mit der Zeit und mit genügend Praxis. Das eigene Können richtig einschätzen können, auf die inneren Signale wie „Ja!“ oder „Nein, tu´s nicht!“ hören und viel, viel üben: so werden Grenzen nach oben verschoben … und das Risiko für die schlimmsten Erlebnisse verringert.
Du arbeitest als Sport-Coach und „Mental-Trainerin“: was können wir uns darunter vorstellen?
Ich war selber 7 Jahre lang Profisportlerin an der Weltspitze in meinem Sport und später dann Trainerin, unter anderem Bundestrainerin in Deutschland und Nationaltrainerin in Slowenien. Während meiner aktiven Zeit hatte ich von 1988 bis 1991 selber einen Mentaltrainer. Das war damals noch vollkommen ungewöhnlich. In diesen Jahren hat der schweizerische Skiverband zum ersten Mal – damals eher inoffiziell – mit mentalem Training „experimentiert“, man wusste, dass sich Tennisspieler mental vorbereiten, und das war es dann an Informationen zum Thema Mentaltraining in Europa. Die Amerikaner sind uns da um Jahre voraus gewesen. Für mich als aktive Sportlerin war es ganz klar, dass „der Kopf“ - also das, was ich denke und fühle, meine Einstellungen, aber auch mein Wissen über komplexe körperliche Vorgänge - mir helfen kann, konstantere Leistungsfähigkeit und mehr Ausgeglichenheit und Gelassenheit im Leben zu erreichen. Seit damals – ich war grad mal 23 Jahre alt – war es meine Vision und mein Wunschtraum, anderen Sportlern mehr über die Zusammenhänge und die Möglichkeiten auf eben diesem Gebiet näher zu bringen. Zum einen hat es mich selbst fasziniert, zum andren habe ich mit den so genannten Trainingsweltmeistern und Sportler, die aus Frust, Ärger und ewigem Verletzungspech (meist wegen psychischer Überforderung!) ihren Sport an den Nagel gehängt haben, gelitten und wollte helfen.
Also hab ich schon bald nach dem Ende meiner einigen Profisportkarriere angefangen, dass was ich wusste und konnte an die von mir betreuten Sportler weiterzugeben. Von 2002 bis 2004 habe ich in Österreich eine Ausbildung zum Coach gemacht. In Österreich ist alles, was mit Persönlichkeitsbildung zu tun hat – anders wie bei uns - staatlich geregelt und anerkannt, und die Österreicher sind uns in Sachen Mentaltraining im Sport um einiges voraus. Inzwischen arbeite ich hauptberuflich als Coach für Sportler, z.B. mit Einzelsportlern, Teams, Vereinen und in der Trainerausbildung. Die Schwerpunkte meiner Arbeit sind z.B.: Stress- und Angstbewältigung im Sport; Wettkampfvorbereitung und –durchführung; innere Einstellungen und Gefühle; wie man Potentiale gezielt stärken und abrufen kann, aber auch „Gehirnfreundliches Technik- und Taktiktraining; Konditionstrainingsbegleitung bis hin zu Beratung bei Fragen zur Selbstvermarktung oder zu Sponsoringverträgen von Sportlern. Ich habe mich lange genau geprüft: Will ich weiterhin auf einem Gebiet tätig sein und etwas unterstützen, dass auf WettKAMPF, auf Konkurrenz, auf unmenschlichen Jugendförderprogrammen basiert? Eigentlich wollte ich das nicht mehr länger mitmachen. Aber dann habe ich mir gesagt: So, nur wenn ich jetzt mit all meiner Erfahrung dabei bleibe, NUR DANN kann ich versuchen, etwas zu ändern, zu erleichtern. Und so ist mein ganz persönlicher Ansatz nicht der von Leistungssteigerung mit allen Mitteln, sondern der: zu mehr Zufriedenheit und Freude am Sport zu führen. Zu einem konstruktiven Umgang mit uns selbst, mehr Verständnis und mehr Gelassenheit. Und wer von meinen Kunden das gerne möchte, kann alles auf die anderen Bereiche seines Lebens ummünzen, das funktioniert dort genauso wie im Sport.
Für wen bietest du diesen Service an, wer sind deine Kunden?
Meine Kunden sind - wie gesagt – einzelne Sportlerinnen und Sportler in ganz unterschiedlichen Sportarten und Könnensstufen. Ich arbeite viel mit Kindern und Jugendlichen um gerade dort in Zusammenarbeit mit Eltern und Trainern etwas von dem möglichen Druck für die Kids herauszunehmen. Ich bilde Trainer und Übungsleiter aus und biete Workshops in verschiedenen Sportarten wie Klettern, Schneesport und nun endlich auch im Mountainbiken an.
Du hast dein Programm „Sport-im-Kopf“ genannt. Welche Rolle spielt der Kopf deiner Meinung nach im Sport?
Eine große, aber es ist nicht der Kopf alleine. Sportliche Leistungsfähigkeit und Zufriedenheit setzt sich aus vielen wichtigen Komponenten zusammen. Angefangen vom Material über Technik und Taktik, Konditionstraining, Ernährung bis hin zu Zyklusschwankungen, Alltagssorgen oder -Sorglosigkeit und Tagesform kann alles eine Rolle spielen. Normalerweise ist jedem klar: Kondi, Material, Technik. Aber wer fragt schon nach den Gefühlen, den Ängsten, den inneren Einstellungen, nach Gehirnphysiologie und Lernbiologie, nach der Kommunikation mit den Sportpartnern, nach zwischenmenschlichen Kontakten? Und wenn sich eine das fragt, dann gibt es dafür – vor allem im Sport – nicht leicht eine Antwort. Oder die Antworten sind unverständlich, kompliziert, praxisfern formuliert. Genau hier versuche ich aufzuklären, Wissen zu vermitteln und Verständnis zu wecken. So dass es wirklich jeder verstehen und in direkten Bezug zu seinen Erfahrungen und seiner Realität setzen kann.
Wie bist du eigentlich auf dieses Thema gekommen?
Ich hatte großes Glück: mein Mentaltrainer Maurice LeJeunne aus Frankreich war eine sehr authentische, starke und weit entwickelte Persönlichkeit. Wir arbeiteten zwischen 1988 und 1991 zusammen. Damals waren Yoga, Meditation, Spiritualität und die Kunst des Zen ganz und gar ungewöhnlich und kaum bekannt. Er unterrichtete mich in vielem, was bei uns erst in den letzen Jahren zunehmend ins Bewusstsein vieler Menschen dringt. Für mich war das damals alles „Sport, Wettkampfvorbereitung, besser werden, gewinnen ….“ Naja, ich war 23 Jahre alt. Heute weiß ich, dass ich damals eine Grundlage gewonnen habe um weiter zu wachsen. Um über den Tellerrand des Sports, über bloße Leistungssteigerung hinaus zu blicken. Das es um mehr geht als um Gewinnen oder Verlieren, um mehr als Ego und Anerkennung von außen. Wer möchte, kann bei mir gerne etwas darüber erfahren, wie man besser, schneller weiter, höher kommt. Aber wer mehr wissen möchte und gut hinhört, der kann mehr dahinter erkennen. Sport als Schule fürs Leben, warum nicht? Das versuche ich zu vermitteln. Und ich gebe mir bewusst Mühe, es sehr dezent und undogmatisch rüber zu bringen. Ich komme aus dem Sport, ich weiß was ich da bringen kann und was nicht geht. Und wie gesagt: wers hören will und sehen … und das sind mehr, als man vermutet!
Wie stark fließen die Erfahrungen, die du selbst während deiner Zeit als Profi-Sportlerin gemacht hast, in dein Angebot jetzt mit ein?
Meine gesamte Arbeit ist durch das, was ich selber erlebt, gelernt und gelehrt habe, beeinflusst. Ich glaube ich lehre gar nix, was ich nicht selber gelebt und erlebt habe. Manche mentale Techniken wie z.B. positive Affirmationen, „positives Denken“ und einiges aus dem Neurolinguistischen Programmieren (NLP) lehne ich für mich persönlich ab und lehre es auch nicht. Meine Stärke ist tatsächlich meine Geschichte: Ich weiß Bescheid über die mentalen Aspekte, aber ich kenne mich ebenso gut aus in Trainingslehre, Biomechanik, Technik und Taktik der meisten Sportarten, die ich coache. Ich habe fast alle Höhen und Tiefen, Verletzungen, Siege und Niederlagen, ein paar fiese „psychische“ Probleme, die ein Leben als Champion und Idol in der Regel so mit sich bringt, gelebt. Ich habe mit Kindern, mit Jugendlichen, mit Männern und Frauen gearbeitet, mit Trainern die aufgeschlossen waren und Trainern, die vom Verein oder Verband „geschickt“ wurden. Und aus allen diesen Erfahrung schöpfe ich. Ich arbeite aus mir heraus. Fast schon intuitiv, aber wenn´s angesagt ist ebenso gut rational und technisch.
Du kommst ja eigentlich aus dem Wintersportbereich, warst in den letzten Jahren dann vor allem im Klettersport sehr aktiv als Coach und startest jetzt im Bike-Bereich: Lässt sich dein Konzept einfach so auf jeden Sportart übertragen?
Im Prinzip schon. Trotzdem ist es für mich wichtig, dass ich die Sportart, in der ich tätig werde, selber so gut es eben geht ausübe und mich dort auch in den wichtigsten technischen, taktischen und konditionellen Aspekten auskenne. Weil diese – wie gesagt – alle ineinander greifen, sich verzahnen und gegenseitig beeinflussen. Aber das, was in den Köpfen und Herzen der Menschen abläuft, ist sehr, sehr ähnlich. Ganz gleich ob beim Biken, beim Klettern oder am Schreibtisch oder beim Kind vom Kindergarten abholen. Leben ist Leben – das macht keinen Unterschied zwischen zwei Reifen oder zwei Beinen.
Erzähl mal: Wie läuft so ein Training für Biker bei dir ab?
Zum Beispiel einer unserer anderthalbtägigen Workshops „Mut tut gut“: Zuerst eine kurze Vorstellungs- und Fragerunde, um sich kennen zu lernen und damit ich mir ein Bild machen kann, bei wem ich besonders auf was eingehen kann. Dann kommt ein kurzer theoretischer Teil über die Entstehung und den Umgang mit der Angst beim Biken. Dann geht’s gleich mal aufs Bike und nach einem kurzen Material und Positionsscheck probieren wir gleich beim biken verschiedene Umgangsmöglichkeiten und Techniken zur Angst- und Stressbewältigung aus. Dann ist der erste Teil zu Ende und wir werden wohl gemütlich zum Abendessen und zum Ratschen gehen.
Am nächsten Tag beginnen wir wieder mit einer kurzen theoretischen Einführung zu den Schwerpunkten innere und äußere Haltung, Konzentration und Körperspannung und probieren das beim Biken gleich aus. Dann kommt eine Mittagspause mit Sacks und Getränken und am Nachmittag geht’s um die Themen Zielsetzung und –Zielformulierungen und konstruktiver Selbstumgang. Die Workshops sind also eine Mischung aus etwas Theorie und viel Fahrpraxis. Begleitet werden wir jeweils von Jule und einer unserer Kooperationspartnerinnen vor Ort, also Andrea Eitel vom Bikeshop nonplusultra im Südschwarzwald und Sabine Höll vom Spielberghaus in Saalbach-Hinterglemm. Die kennen sich vor Ort aus und können uns zu den jeweils optimalen Strecken und Trails für die einzelnen Übungen bringen.
Kannst du in deinen Kurse einfach so bestehende Blockaden und „Knoten“ lösen oder erreicht man auch hier nur etwas durch langfristiges, dauerhaftes Üben?
Ich erlebe bei fast jedem Kurs, dass Teilnehmer /-innen durch bestimmte Techniken sofort eine Veränderung bei bestimmten Blockaden feststellen können. Sicher ist mal: Das ganze heißt mentales „TRAINING“, die Techniken, die jede für sich selber als sinnvoll erkannt hat (das sind immer nur ein paar, nie alle in einem Workshop) diese sollten also schon trainiert werden. Damit sie einem im Ernstfall dann auch zur Verfügung stehen und nicht vor lauter Stress und Angst „vergessen“ werden. Daneben gibt es immer wieder Blockaden, die sich nicht so einfach lösen lassen. Da kann dann entweder ein intensives oder in mehrteiliges Einzelcoaching weiterhelfen. Zu viel sollte man sich – wie immer! – nicht erwarten: Wie alles geht das mit dem Mentalen „Steinchen auf Steinchen“, mit viel Übung und noch mehr Geduld. Sonst wäre ich ja keine Mentaltrainerin sondern Zauberin!
Was meinst du, warum ist gerade für Bikerinnen das Thema Angst und Selbstvertrauen so ein kritischer Punkt?
Möglicherweise könnte eine Rolle spielen: erstens haben Frauen in der Regel eine etwas schwächer ausgeprägte Muskulatur. Frauen trainieren auch seltener gezielt auf Kraft- und Muskelzuwachs. Meiner Erfahrung nach aber sind die mit der stärkeren, kräftigeren und ausgebildeten Muskulatur oft auch mutiger. Ganz einfach: wenn ich einen richtigen Muskel“panzer“ habe, dann verletze ich mich nicht so schnell und ich kann mir – oft unbewusst – mehr zutrauen. Im Leistungssport wird in vielen Sportarten gezieltes Krafttraining zur Verletzungsprävention eingesetzt. Und das nicht umsonst. Männer sind diesbezüglich von Natur aus meistens besser ausgestattet.
Der zweite Grund, dass Bikerinnen schneller mal Angst bekommen und dann lieber absteigen könnte sein: viele von uns würden ja eeeiiigentlich viel lieber innerhalb ihrer Komfortzone biken und sich dort auch ganz wohl fühlen. Aber da ist dann halt der Freund oder die Clique oder die seit Monaten geplante Tour. Also begibt frau sich in Gelände oder Umstände, wo sie bisher vielleicht noch nicht so oft gewesen ist. Und reagiert dann – verständlicherweise! – mit Zögern, Unsicherheit und Angst. Unser Körper ist doch nicht blöd: wenn ihm was gefährlich vorkommt, dann reagiert er. Und wenn wir eine Situation noch nicht so oft erfolgreich gemeistert haben oder ungute Erinnerungen daran haben, dann reagiert unser Körper eben mit Angst. Und wir!? Anstatt dass wir einen Gang runterschalten, uns (viel) Zeit lassen und uns langsam an die Situation herantasten, reagieren mit Selbstzweifel, Scham und Ärger über uns selbst. Im fiesesten Fall kriegt unser armen Partner den Ärger 1 zu 1 ab.
Drittens kann es sein, dass Bikerinnen als Kind öfter als ihre Brüder oder Freunde zu hören bekommen haben: “Pass auf, das kannst Du nicht! Sei vorsichtig Du tust Dir weh! Nicht so wild! Nicht so schnell!“ und so weiter. Das prägt, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Und so flüstert uns noch heute in brenzligen Situationen eine Stimme ins Ohr: „Pass auf! Du tust Dir weh!“ Die Stimme mag ohne Zweifel gelegentlich berechtigt sein. Aber manchmal nervt’s. Und da gibt’s zwei konkrete Auswege – als kleinen Vorgeschmack auf das, was wir im Workshop machen -: 1.) Üben, üben üben. Erfolgserlebnisse „einfahren“. 2.) Wenn es nicht sooo gefährlich ist wie wir denken, sondern wir es durchaus schaffen könnten, dann „besetzen wir den Gedankensinn“. Dabei denkst du an das, was du technisch oder taktisch machen müsstest, um diese Stelle zu meistern und sagst Dir während dem Biken genau diese Anweisung vor. Zum Beispiel: „ruuhig jetzt“ oder „schau nach vorne“ oder „Ellenbogen seitlich raus“ oder was auch immer dir hilft, technisch so optimal wie möglich zu biken. Und dann mal sehen, welche Stimme in deinem Kopf lauter ist, die „pass auf…., oder die „schau nach vorne!“
Denkst du, Frauen sind die besseren „Mental-Trainer“ – für Sportler ganz allgemein und für weibliche Sportler im Besonderen?
Gute Frage. Ich beschäftige mich seit einiger Zeit sehr intensiv mit dem Unterschied zwischen Männern und Frauen, zwischen den dem Männlichen und dem Weiblichen zugeordneten Eigenschaften und Qualitäten. Und stelle fest: es gibt tatsächlich Unterschiede. Die dem Männlichen zugeordneten und dem Weiblichen zugeordneten Eigenschaften und Qualitäten ergänzen sich. Sollten sich ergänzen. Und genau das gelingt mir zunehmend umzusetzen, weil ich mir die Unterschiede bewusst mache. Ein Mann würde vermutlich eher Techniken vermitteln und einsetzen, die klar, rational, erklärbar, gradlinig und deren Ergebnisse eindeutig messbar sind. Als Frau setze ich zudem bei Bedarf emotionale und kreative Techniken, Bilder, Metapher und vielleicht kleine Geschichten ein, ich gehe mehr auf zwischenmenschliche Aspekte ein, stärke Verbindungen und rede mehr J als meine männlichen Kollegen. Das muss nicht zwangsläufig so sein, entspricht aber durchaus meinen Erfahrungen. Ich würde nicht sagen, dass Männer oder Frauen die besseren … was auch immer ... sind. Aber ich möchte klar ausdrücken, dass beide – Männer und Frauen – sich die jeweils männlichen und die weiblichen Aspekte von Qualitäten und Eigenschaften bewusst und zugänglich machen sollen. Die einen mehr auf ihre Art, die anderen stärker auf deren Art, und dann sollen sich beide kooperativ ergänzen. So würde mir das gut gefallen!
Welchen Rat/welche Tipps möchtest du anderen Bikerinnen mit auf den Weg geben?
Ich setze mich jetzt seit über 20 Jahren mit dem Thema „Sport im Kopf“, mit mentalen Einstellungen, mit Gedanken und Gefühlen im Leistungs- und im Breitensport auseinander. Und ich stelle immer wieder fest: Dreh- und Angelpunkt für Leistungsfähigkeit, für Freude und Lust am Sport ist: wie wir mit uns selber umgehen. Häufig stellen wir an uns selbst zu hohe Anforderungen. Wir meinen wir müssten dies und das können oder schaffen. Und wenn wir das nicht schaffen, dann sind wir kritisch, unfreundlich und unfair zu uns selber. So was führt sofort zu einer muskulären Verkrampfung und dadurch zu eingeschränkter körperlicher Leistungsfähigkeit. Langfristig nehmen uns unsere Frusterlebnisse die Lust und Freude am Biken. Lust und Freude aber sind die Voraussetzung um besser zu werden und um unser Potential unter allen Umständen abrufen zu können. Deswegen mein Tipp: „Seid nett zu euch selber! Behandelt euch so nachsichtig, aufmunternd und freundlich, wie ihr euren besten Freund / eure beste Freundin behandeln würdet. Und hört auf damit, euch ständig selber fertig zu machen, zu kritisieren und euch kleiner und schwächer zu machen, als ihr seid!“
Wie gefällt dir GIRLSRIDETOO.DE (ganz ehrlich ;-))
Am meisten gefällt und beeindruckt mich die Jule, die Frau die für- und die hinter girlsridetoo steht! Mit dem, was sie da macht, geht sie einen anderen Weg, einen wohltuend „weiblichen“ Weg: Miteinander. Kooperativ. Eine profitiert von der anderen. Netzwerke aufbauen und verbinden. Freude teilen anstatt sich im Konkurrenzkampf verlieren. Sie schreibt genial, klar, verständlich, nachvollziehbar. Offen, herzlich, interessiert und aufgeschlossen. SO lässt sich unser Leben, lassen sich unsere Kontakte, unser Sport- und Berufsalltag nämlich auch gestalten und leben. Mit girlsridetoo macht uns Jule vor, wie so was geht. Es ist an der Zeit, dass sich etwas ändert. Dass die „weibliche Art zu wirtschaften“ Einzug hält in unser Bewusstsein. Und schaut hin: hier auf diesen Seiten passiert genau das!
(Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Jule zögert, ob sie das jetzt so veröffentlichen kann und soll, aber ich sag: Ja! Soll sie! Mit liebem Gruß von mir!)
Kurzportrait:
Petra Müssig
44 Jahre alt
3-fache Weltmeisterin und 13-fache Gesamtweltcupsiegerin im Snowboarden
Website: www.sport-im-kopf.de
Kommentare
Jule
Montag, 29-03-10 12:38
Hallo Birgit,
wir haben unser Angebot dieses Jahr bereits massiv erweitert. Aber noch können wir Petra leider nicht klonen und den Workshop flächendeckend anbieten. Das Näheste für dich wäre dieses Jahr der WS in der Pfalz. Wäre das nicht eine Option? Ansonsten schauen wir mal, was 2011 so alles möglich ist...
VG Jule
Birgit Kähler aus Erkrath
Sonntag, 28-03-10 18:29
Ich würde super gerne an einem Seminar teilnehmen. Aber für ein Wochenende die ganze Strecke zu fahren ist doch sehr weit. Es wäre toll, wenn die Kurse auch bei uns in der Gegend angeboten werden würden.
LG Birgit
Jule
Dienstag, 03-03-09 18:58
Und auch hier gilt: Kommentieren erlaubt :-)





